Cannizzaro-Reaktion nicht enolisierbarer Aldehyde
Aldehyde ohne α-H-Atom disproportionieren in starker Base zu Alkohol und Carbonsäuresalz, gekreuzt mit Formaldehyd entsteht gezielt der Alkohol.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Cannizzaro-Reaktion ist die Disproportionierung nicht enolisierbarer Aldehyde in Alkalihydroxidlösung zu Alkohol und Carboxylat.
- Enolisierbar ist nur ein Aldehyd mit α-H-Atom; Formaldehyd, Benzaldehyd, Chloral und Pivalaldehyd sind es nicht.
- Schlüsselschritt ist die Hydridübertragung vom tetraedrischen Hydrat-Anion auf ein zweites Aldehydmolekül, ganz ohne Cyanid.
- Furfural liefert Furfurylalkohol und Furan-2-carboxylat, Glyoxal intramolekular Glycolsäure.
- Gekreuzt mit überschüssigem Formaldehyd wird dieser zu Formiat oxidiert und der aromatische Aldehyd zum Benzylalkohol reduziert.
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Worum es geht
Aldehyde ohne α-H-Atom können kein Enolat bilden. Mit starker Base disproportionieren sie deshalb zu Alkohol und Carbonsäure. Die Reaktion ist ein Musterbeispiel für Hydridübertragung und ein Weg zu Benzylalkoholen.
Aldehyde mit und ohne α-H
Ein α-H-Atom sitzt am C-Atom direkt neben der Carbonylgruppe und ist schwach acide. Enolisierbar ist ein Aldehyd nur, wenn er ein solches H trägt. Wie das Gleichgewicht liegt, klärt die Keto-Enol-Tautomerie. Selbst Acetaldehyd liegt unter Normalbedingungen zu weniger als 10 % als Enol vor.
Nicht enolisierbar sind Formaldehyd, Benzaldehyd, Chloral und Pivalaldehyd (2,2-Dimethylpropanal). Bei ihnen fehlt das α-C oder es trägt kein H.
Prinzip
Die Cannizzaro-Reaktion ist eine Disproportionierung nicht enolisierbarer Aldehyde in Alkalihydroxidlösung. Ein Molekül wird zum Carboxylat oxidiert, ein zweites zum Alkohol reduziert.
\[\ce{2 R-CHO + OH- -> R-COO- + R-CH2OH}\]
- Addition: \(\ce{OH-}\) addiert an den Carbonyl-C wie bei der Hydratbildung. Es entsteht ein tetraedrisches Anion.
- Hydridübertragung: Das Anion gibt \(\ce{H-}\) an ein zweites Aldehydmolekül ab, analog zur Hydridreduktion.
- Protonenaustausch: Die entstandene Säure protoniert das Alkoholat. Es bleiben Carboxylat und Alkohol.
Am Strukturbild entscheidet also allein das α-C. Acetaldehyd und Propionaldehyd werden dort deprotoniert und reagieren als CH-acide Verbindungen zur Aldolreaktion. Anders als die Benzoin-Kondensation braucht die Cannizzaro-Reaktion kein Cyanid. Als Nachweis für Monosaccharide dient sie nicht.
Substrate
Aus jeder \(\ce{-CHO}\)-Gruppe wird entweder \(\ce{-CH2OH}\) oder \(\ce{-COO-}\). Ein aromatischer Ring bleibt unberührt, eine elektrophile Substitution findet nicht statt.
| Aldehyd | Alkohol | Carboxylat |
|---|---|---|
| Benzaldehyd | Benzylalkohol | Benzoat |
| Formaldehyd (verdünnte KOH) | Methanol | Formiat |
| Furfural | Furfurylalkohol | Furan-2-carboxylat |
Glyoxal (\(\ce{OHC-CHO}\)) reagiert mit NaOH intramolekular. Eine CHO-Gruppe wird oxidiert, die andere reduziert. So entsteht das Salz der Glycolsäure (2-Hydroxyessigsäure).
Benzoin, Benzil, Benzilsäure und 2-Phenylethanol entstehen aus Benzaldehyd nicht auf diesem Weg. Dafür wären neue C–C-Bindungen nötig.
Gekreuzte Cannizzaro-Reaktion
Mit überschüssigem Formaldehyd und KOH reagiert ein aromatischer Aldehyd gekreuzt. Formaldehyd ist am reaktivsten. Sein Hydrat-Anion dient als Hydrid-Donor und wird zu Formiat oxidiert. Der aromatische Aldehyd wird zum Benzylalkohol reduziert, etwa 4-Methoxybenzaldehyd zu 4-Methoxybenzylalkohol.
\[\ce{Ar-CHO + HCHO + OH- -> Ar-CH2OH + HCOO-}\]
Im gekreuzten Fall wird Formaldehyd geopfert. Benzoat und Methanol fehlen deshalb unter den Produkten.
Quiz
Aussage 1
In der gekreuzten Cannizzaro-Reaktion eines aromatischen Aldehyds mit überschüssigem Formaldehyd wird der Formaldehyd zu Formiat oxidiert.
Formaldehyd ist der Hydrid-Donor und endet als Formiat, der aromatische Aldehyd wird zum Benzylalkohol reduziert.
Aussage 2
Glyoxal bildet mit NaOH in einer intramolekularen Cannizzaro-Reaktion Oxalsäure.
Eine CHO-Gruppe wird oxidiert, die andere reduziert. Es entsteht Glycolsäure (2-Hydroxyessigsäure) als Salz.
Aussage 3
Pivalaldehyd reagiert mit Alkalihydroxid überwiegend unter Cannizzaro-Disproportionierung, weil sein α-C kein H-Atom trägt.
Pivalaldehyd ist nicht enolisierbar. Ohne α-H ist die Cannizzaro-Reaktion die erwartete Basenreaktion.
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