Reaktionsmechanismen

Nucleophile Additionen an Carbonyle und Nitrile

Wie Cyanid, Alkohole, Amine, Grignard-Verbindungen, Hydrid und Wasser an Carbonylgruppen und Nitrile addieren und welche Produkte dabei entstehen.

Prüfungsrelevanz: relevant ✓ gelesen
Das Wichtigste in Kürze5 Punkte
  • Nucleophile Additionen an Carbonyle und Nitrile beruhen auf dem Angriff eines Nucleophils am elektrophilen C-Atom der C=O- bzw. C≡N-Gruppe.
  • Aceton gibt mit HCN bzw. KCN das Acetoncyanhydrin \(\ce{(CH3)2C(OH)CN}\), Benzaldehyd das Mandelsäurenitril; die Reaktion ist basekatalysiert und umkehrbar.
  • Bei der Imin- und Hydrazonbildung entsteht über ein zwitterionisches Addukt zunächst ein Halbaminal; Alkohole liefern analog Halbacetale.
  • Aldehyde ergeben mit Grignard-Verbindungen sekundäre Alkohole, Formaldehyd einen primären; Nitrile liefern nach Hydrolyse Ketone.
  • Bei der sauren Nitrilhydrolyse wird der Stickstoff protoniert, Wasser greift das sp-C an, und ein Oxoniumion tritt auf.

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Worum es geht

Das Carbonyl-C ist positiv polarisiert und zieht Nucleophile an. Nach demselben Muster reagiert auch das sp-hybridisierte C-Atom der Nitrile. Wer diesen einen Grundgedanken beherrscht, kann Cyanhydrine, Halbacetale, Alkohole und Ketone ableiten, also wichtige Bausteine der Arzneistoffsynthese.

Cyanhydrinbildung

Cyanid ist ein C-Nucleophil. Es addiert an Aldehyde und Ketone zu einem Cyanhydrin. Aceton liefert mit HCN oder mit KCN in Wasser das Acetoncyanhydrin (2-Hydroxy-2-methylpropannitril):

\[\ce{(CH3)2C=O + HCN ->[OH^-] (CH3)2C(OH)CN}\]

Benzaldehyd gibt mit KCN in verdünnter Salzsäure Mandelsäurenitril (Mandelonitril, 2-Hydroxy-2-phenylacetonitril):

\[\ce{C6H5CHO + HCN -> C6H5CH(OH)CN}\]

📖 Definition: Cyanhydrin

Ein Cyanhydrin trägt OH-Gruppe und Nitrilgruppe am selben C-Atom. Es entsteht durch nucleophile Addition von Cyanid an eine Carbonylgruppe.

  1. Aktivierung: Katalytische Mengen \(\ce{OH-}\) deprotonieren HCN zu \(\ce{CN-}\).
  2. Angriff: Das C-Atom des Cyanids greift das Carbonyl-C an. Es entsteht ein tetraedrisches Alkoholat.
  3. Protonierung: Das Alkoholat holt ein Proton von HCN. Dabei bildet sich \(\ce{CN-}\) zurück.

Mechanismus mit Elektronenpfeilen von Aceton und Cyanid über ein Alkoholat zum Acetoncyanhydrin.

Cyanhydrinbildung: Cyanid greift das Carbonyl-C an, das Alkoholat wird protoniert.

Die Reaktion ist deshalb basekatalysiert. Säure würde Cyanid zu HCN protonieren, und HCN ist ein schwaches Nucleophil. Der Ansatz in verdünnter Salzsäure widerspricht dem nicht: Die Säure setzt HCN aus KCN frei, ein Rest Cyanid bleibt als Nucleophil. Katalytisch wirkt nur das Hydroxid. HCN bzw. Cyanid wird als Reaktionspartner verbraucht.

Cyanid bindet über das C-Atom, daher entstehen Nitrile und keine Isonitrile. Formal ist HCN zwar CH-acide. Anders als bei einer Knoevenagel-Kondensation wird aber kein Wasser abgespalten. Aus Aceton entsteht also kein α,β-ungesättigtes Nitril. Die Addition ist umkehrbar: Base spaltet ein Cyanhydrin wieder in Keton und HCN, ganz ohne Oxidationsmittel.

O- und N-Nucleophile

Alkohole addieren als O-Nucleophile. Benzaldehyd und Ethanol bilden in einer nucleophilen Addition ein Halbacetal:

\[\ce{C6H5CHO + C2H5OH <=> C6H5CH(OH)OC2H5}\]

Die Weiterreaktion zum Acetal behandelt die Seite Halbacetale, Acetale und Ketale.

Primäre Amine und Hydrazin reagieren als N-Nucleophile. Der freie Stickstoff greift das Carbonyl-C an. Zuerst entsteht ein zwitterionisches Addukt mit \(\ce{N+}\) und \(\ce{O-}\). Ein Protonenwechsel liefert das Halbaminal. Erst danach spaltet sich Wasser ab, und es entsteht das Imin bzw. Hydrazon (Iminbildung).

📖 Definition: Halbacetal und Halbaminal

Im Halbacetal tragen OH und OR dasselbe C-Atom. Im Halbaminal sitzen OH und eine Amino- bzw. Hydrazinogruppe geminal am selben C-Atom.

Reaktionsfolge Aldehyd, zwitterionisches Addukt, Halbaminal, Imin mit Elektronenpfeilen.

Vom Aldehyd über Zwitterion und Halbaminal zum Imin.

Grignard-Verbindungen und Hydride

Grignard-Verbindungen liefern ein carbanionisches C-Nucleophil. Es addiert an das Carbonyl-C, die Hydrolyse protoniert das Alkoholat:

\[\ce{R-CHO + R'MgX -> RR'CH-OMgX ->[H3O+] RR'CH-OH}\]

Aldehyde ergeben so sekundäre Alkohole. Die Ausnahme ist Formaldehyd. Er trägt zwei H-Atome und liefert deshalb einen primären Alkohol.

Auch die Hydridreduktion folgt diesem Muster. Das Hydridion ist das Nucleophil und addiert an das Carbonyl-C. Die Reduktion mit \(\ce{NaBH4}\) ist also eine nucleophile Addition.

Additionen an Nitrile

Das sp-hybridisierte Nitril-C ist ebenfalls elektrophil. Eine Grignard-Verbindung addiert zum Imin-Magnesiumsalz. Die Hydrolyse macht daraus ein Keton (Grignard an Nitrile):

\[\ce{R-C#N + R'MgX -> RR'C=NMgX ->[H3O+] RR'C=O}\]

Bei der sauer katalysierten Hydrolyse ist Wasser das Nucleophil:

\[\ce{R-C#N + 2 H2O + H+ -> R-COOH + NH4+}\]

  1. Protonierung: Das Proton bindet an das Stickstoffatom. Es entsteht ein Nitrilium-Ion.
  2. Angriff: Wasser greift das sp-hybridisierte Nitril-C an. Ein Oxoniumion tritt als Intermediat auf.
  3. Deprotonierung und Tautomerie: Die Imidsäure lagert sich zum Amid um.
  4. Hydrolyse: Das Amid wird zur Carbonsäure und \(\ce{NH4+}\) gespalten.

Mechanismus der säurekatalysierten Hydrolyse eines Nitrils zur Carbonsäure mit allen Zwischenstufen.

Saure Nitrilhydrolyse über Nitrilium-Ion, Oxoniumion und Amid.

Produkte aus Formeln ableiten

Bei vorgelegten Strukturformeln hilft ein fester Ablauf. Man sucht zuerst das elektrophile C-Atom und das Nucleophil. Das Nucleophil bindet an dieses C. Bei Carbonylen wird der Sauerstoff zur OH-Gruppe. Bei Nitrilen führt die Hydrolyse zum Keton.

Ein Beispiel zeigt die Abbildung. Benzonitril reagiert mit Ethylmagnesiumbromid. Nach Hydrolyse entsteht Propiophenon. \(\ce{NaBH4}\) addiert Hydrid an dessen Carbonyl-C, so entsteht 1-Phenylpropan-1-ol, ein sekundärer Alkohol.

Reaktionsschema Benzonitril, Propiophenon, 1-Phenylpropan-1-ol mit Reagenzien über den Pfeilen.

Vom Nitril über das Keton zum sekundären Alkohol.

Quiz

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Aussage 1

Bei der sauer katalysierten Nitrilhydrolyse wird im ersten Schritt das Nitril-C-Atom protoniert.

Protoniert wird das Stickstoffatom. Das Nitril-C wird anschließend von Wasser nucleophil angegriffen.

Aussage 2

Die Cyanhydrinbildung wird durch Säure katalysiert, weil die protonierte Carbonylgruppe elektrophiler ist.

Die Cyanhydrinbildung ist basekatalysiert. Säure würde \(\ce{CN-}\) zu HCN protonieren, einem schwachen Nucleophil; katalytisch wirkt \(\ce{OH-}\).

Aussage 3

Acetaldehyd liefert mit Methylmagnesiumbromid und anschließender Hydrolyse einen sekundären Alkohol.

Aldehyde außer Formaldehyd ergeben mit Grignard-Verbindungen sekundäre Alkohole, hier Propan-2-ol.

Aussage 4

Bei der Hydrazonbildung tritt ein Halbaminal als Zwischenstufe auf, bevor Wasser abgespalten wird.

Nach dem Angriff des Stickstoffs entsteht ein zwitterionisches Addukt, dann das Halbaminal; erst danach folgt die Wasserabspaltung.

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