Stereochemie

Stickstoff und Schwefel als Chiralitätszentren

Wann Stickstoff- und Schwefelatome Chiralitätszentren sind und warum die Stickstoffinversion tertiäre Amine trotzdem untrennbar macht.

Prüfungsrelevanz: gut zu wissen ✓ gelesen
Das Wichtigste in Kürze5 Punkte
  • Stickstoff und Schwefel sind Chiralitätszentren, wenn sie vier verschiedene Substituenten tragen; ein freies Elektronenpaar zählt dabei als Substituent.
  • Tertiäre Amine mit drei verschiedenen Resten sind wegen der schnellen Stickstoffinversion über einen planaren Übergangszustand nicht in Enantiomere trennbar.
  • Überbrückte Amine wie die Tröger-Base haben eine hohe Inversionsbarriere und sind chiral.
  • Quartäre Ammoniumionen und N-Oxide mit verschiedenen Substituenten sind am Stickstoff chiral.
  • Unsymmetrische Sulfoxide und Sulfoniumionen sind am Schwefel chiral, Sulfone und Sulfonylchloride nicht.

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Worum es geht

Nicht nur Kohlenstoff kann ein Chiralitätszentrum sein. Auch Stickstoff und Schwefel kommen infrage, wobei ein freies Elektronenpaar als vierter Substituent zählt. Für Arzneistoffe wie das Sulfoxid Esomeprazol ist das die Grundlage ihrer Stereochemie.

Stickstoff

Ein Chiralitätszentrum braucht vier verschiedene Substituenten in tetraedrischer Anordnung, wie beim Kriterium am Kohlenstoff. Am Stickstoff zählt das freie Elektronenpaar als vierter Substituent. Ein tertiäres Amin mit drei verschiedenen Resten ist daher formal chiral.

Trotzdem lässt es sich nicht in Enantiomere trennen. Das pyramidale Molekül klappt um wie ein Regenschirm im Wind. Im planaren Übergangszustand ist der Stickstoff \(sp^2\)-hybridisiert, das Elektronenpaar sitzt in einem p-Orbital. Danach liegt das Spiegelbild vor.

Zwei spiegelbildliche pyramidale Amine, dazwischen ein planarer Übergangszustand, darunter eine Energiekurve mit niedriger Barriere

Stickstoffinversion: Über einen planaren Übergangszustand geht ein Amin in sein Spiegelbild über.
📖 Definition: Stickstoffinversion

Die Stickstoffinversion ist das Umklappen eines pyramidalen Amins über einen planaren Übergangszustand in sein Spiegelbild. Die Inversionsbarriere ist die Energie, die dafür aufgebracht werden muss.

Bei einfachen Aminen ist diese Barriere niedrig. In Triethylamin verläuft die Inversion bei Raumtemperatur extrem schnell. Auch Isopropylmethylamin ist deshalb nicht in Enantiomere trennbar. Der Stickstoff solcher Amine ist kein konfigurativ stabiles Stereozentrum.

Überbrückte Amine haben höhere Inversionsbarrieren, weil das starre Gerüst den planaren Übergangszustand erschwert. In der Tröger-Base sind die beiden Brückenkopf-Stickstoffatome im Bicyclus fixiert. Sie ist daher chiral.

Zwei spiegelbildliche dreidimensionale Strukturformeln der Tröger-Base mit markierten Stickstoffatomen

Tröger-Base: Die Brückenkopf-Stickstoffatome sind im starren Bicyclus fixiert.

Ohne freies Elektronenpaar gibt es keine Inversion. Quartäre Ammoniumionen mit vier verschiedenen Substituenten sind deshalb chiral und optisch aktiv. Tragen sie zwei gleiche Methylgruppen, sind sie achiral. Amin-N-oxide verhalten sich ebenso: Das N-Oxid mit Methyl-, Ethyl- und Phenylrest ist am Stickstoff chiral.

Schwefel

Am Schwefel verläuft die Inversion sehr langsam. Pyramidale Sulfoxide und Sulfoniumionen behalten bei Raumtemperatur ihre Konfiguration. Auch hier zählt das freie Elektronenpaar als Substituent. Die Stoffklassen selbst findest du unter Thioether, Sulfoniumsalze und Sulfoxide.

Verbindung Substituenten am S chiral?
Methylphenylsulfoxid O, \(\ce{CH3}\), \(\ce{C6H5}\), Elektronenpaar ja
Ethylmethylsulfoxid O, \(\ce{C2H5}\), \(\ce{CH3}\), Elektronenpaar ja
Benzolsulfinsäurechlorid O, \(\ce{C6H5}\), Cl, Elektronenpaar ja
Methansulfinsäuremethylester O, \(\ce{CH3}\), \(\ce{OCH3}\), Elektronenpaar ja
Ethylmethylphenylsulfoniumsalz \(\ce{C2H5}\), \(\ce{CH3}\), \(\ce{C6H5}\), Elektronenpaar ja
Methylphenylsulfon 2 O, \(\ce{CH3}\), \(\ce{C6H5}\) nein
Benzolsulfonylchlorid 2 O, \(\ce{C6H5}\), Cl nein

Sulfone und Sulfonylchloride tragen statt des Elektronenpaars ein zweites Sauerstoffatom. Zwei gleiche Substituenten heben die Chiralität auf.

Links zwei spiegelbildliche Sulfoxide mit freiem Elektronenpaar am Schwefel, rechts ein Sulfon mit Spiegelebene

Sulfoxid gegen Sulfon: Das Elektronenpaar macht den Schwefel chiral, das zweite O-Atom hebt die Chiralität auf.
🎯 Examensrelevant: Sulfoxid gegen Sulfon

Wird im Examen gerne gefragt: Unsymmetrische Sulfoxide wie Methylphenylsulfoxid sind am Schwefel chiral, weil das Elektronenpaar als vierter Substituent zählt. Achte auf die Zahl der O-Atome, denn Sulfone und Sulfonylchloride sind achiral.

Bei cyclischen Sulfoniumionen verfolgt man den Ring vom Schwefel aus in beide Richtungen. Im 1-Methylthianium-Ion sind beide Ringäste gleich, das Ion ist achiral. Im 1-Methyl-1,3-dithianium-Ion trifft ein Ast nach einem C-Atom auf das zweite Schwefelatom, der andere erst nach drei. Die Äste unterscheiden sich, also ist S1 ein Chiralitätszentrum.

Zwei Sechsring-Sulfoniumionen mit Methylgruppe am Schwefel, im rechten Ring ein zweites Schwefelatom

Gleiche Ringäste ergeben ein achirales Ion, verschiedene Ringäste ein Chiralitätszentrum am Schwefel.

Quiz

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Aussage 1

Ein quartäres Ammoniumion mit vier verschiedenen Substituenten am Stickstoff ist optisch aktiv.

Ohne freies Elektronenpaar ist keine Inversion möglich, die Konfiguration bleibt stabil.

Aussage 2

Isopropylmethylamin lässt sich bei Raumtemperatur in zwei stabile Enantiomere trennen.

Die Stickstoffinversion verläuft bei einfachen Aminen sehr schnell. Isopropylmethylamin ist daher nicht in Enantiomere trennbar.

Aussage 3

Methylphenylsulfon ist wie Methylphenylsulfoxid am Schwefel chiral.

Das Sulfon trägt zwei gleiche Sauerstoffatome und ist achiral. Nur das Sulfoxid mit freiem Elektronenpaar ist chiral.

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