Stereochemie

Selektivität, Racemate und Konfigurationserhalt

Wie man Reaktionen als chemo-, stereo- oder enantioselektiv einordnet und vorhersagt, wann Racemate, Inversion oder Retention entstehen.

Prüfungsrelevanz: gut zu wissen ✓ gelesen
Das Wichtigste in Kürze5 Punkte
  • Selektivitätsbegriffe ordnen Reaktionen danach, welche Gruppe umgesetzt wird (chemoselektiv) und welches Stereoisomer bevorzugt entsteht (stereo-, enantio-, diastereoselektiv).
  • Acetessigester: \(\ce{NaBH4}\) reduziert chemoselektiv nur das Keton, \(\ce{LiAlH4}\) nichtselektiv auch den Ester zu racemischem Butan-1,3-diol.
  • Achirale Reduktionsmittel greifen beide enantiotopen Seiten prochiraler Ketone gleich an: Butanon ergibt racemisches Butan-2-ol.
  • Die E2-Eliminierung aus 2-Brombutan ist stereoselektiv, aber nicht enantioselektiv, da die Alkene achiral sind.
  • Zwei \(\mathrm{S_N2}\)-Schritte nacheinander bedeuten doppelte Inversion und damit Retention.

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Worum es geht

Selektivitätsbegriffe sagen, welche Gruppe eine Reaktion angreift und welches Stereoisomer dabei entsteht. Für Arzneistoffe zählt das, weil Enantiomere oft verschieden wirken.

Chemoselektivität

Chemoselektiv ist eine Reaktion, die von mehreren funktionellen Gruppen nur eine umsetzt. Greift sie alle an, ist sie nichtselektiv. Zum Einordnen vergleichst du Edukt und Produkt: Welche Gruppe hat sich verändert?

Acetessigester trägt ein Keton und einen Ester. \(\ce{NaBH4}\) reduziert nur das Keton zum 3-Hydroxybutansäureethylester. \(\ce{LiAlH4}\) reduziert auch den Ester, es entsteht racemisches Butan-1,3-diol (mehr zur Hydridreduktion).

Reaktionsschema der Reduktion von Acetessigester mit Natriumborhydrid zum Hydroxyester und mit Lithiumaluminiumhydrid zum Butan-1,3-diol

Acetessigester: \(\ce{NaBH4}\) reduziert chemoselektiv nur das Keton, \(\ce{LiAlH4}\) nichtselektiv auch den Ester.

Ebenso ist die 1,2-Reduktion eines α,β-ungesättigten Ketons chemoselektiv, weil die C=C-Bindung erhalten bleibt. Wird Cyclohex-2-en-1-on bis zum Cyclohexanol reduziert, ist die Reaktion nichtselektiv.

Stereospezifisch, stereoselektiv, enantioselektiv

Die Stereobegriffe beschreiben verschiedene Dinge:

Begriff Bedeutung
stereospezifisch stereoisomere Edukte ergeben mechanistisch zwingend verschiedene stereoisomere Produkte
stereoselektiv eines von mehreren möglichen Stereoisomeren entsteht bevorzugt
enantioselektiv ein Enantiomer entsteht im Überschuss
diastereoselektiv ein Diastereomer entsteht im Überschuss

Ein Enantiomerenüberschuss braucht chirale Information, etwa einen chiralen Katalysator oder ein Enzym. Der gezielte Aufbau neuer Chiralitätszentren mit ungleichem Isomerenanteil heißt asymmetrische Synthese. Die Übertragung der Chiralität auf das neue Zentrum heißt asymmetrische Induktion.

Die E2-Eliminierung aus 2-Brombutan ist stereoselektiv, weil (E)-But-2-en überwiegt. Enantioselektiv ist sie nicht, denn beide Alkene sind achiral. Die Cyanhydrinbildung verläuft nicht stereospezifisch.

Racemate aus achiralen Edukten

Ein achirales Reagenz greift beide enantiotopen Seiten eines prochiralen Ketons gleich schnell an. Butanon liefert mit \(\ce{NaBH4}\) daher (R)- und (S)-Butan-2-ol im Verhältnis 1:1, also ein Racemat. Das folgt nicht aus der Achiralität des Butanons, sondern aus den zwei gleichwertigen Seiten.

Butanon mit zwei Hydridangriffspfeilen von oben und unten, daraus (R)- und (S)-Butan-2-ol

Hydridangriff von beiden enantiotopen Seiten des Butanons ergibt racemisches Butan-2-ol.

Auch Ethyl-3-hydroxybutanoat aus Acetessigester, 3-Bromcyclohexen aus der Radikalbromierung und Hexan-2-ol aus der Hydratisierung von Hex-1-en entstehen racemisch.

💡 Merke

Bildet sich aus achiralen Stoffen ohne chirale Hilfe ein neues Chiralitätszentrum, entsteht immer ein Racemat.

Erhalt bestehender Stereozentren

Anders beim enantiomerenreinen Edukt: Bleiben die Bindungen am Stereozentrum unberührt, behält es seine Konfiguration. Das Produkt ist dann kein Racemat. So übersteht ein quartäres Stereozentrum neben einer Estergruppe deren Hydridreduktion unverändert.

Inversion und Retention

Der \(\mathrm{S_N2}\)-Rückseitenangriff kehrt die Anordnung am Zentrum um: Inversion. Bleibt sie gleich, spricht man von Retention. Zwei \(\mathrm{S_N2}\)-Schritte nacheinander ergeben Retention. (R)-2-Bromoctan wird mit Iodid zu (S)-2-Iodoctan, dieses mit Acetat zu (R)-2-Octylacetat.

Zweistufige Substitution an 2-Bromoctan über 2-Iodoctan zum 2-Octylacetat mit Keilstrichformeln

Zwei \(\mathrm{S_N2}\)-Schritte nacheinander: Inversion plus Inversion ergibt Retention.

Racemisierung ist die Umwandlung eines Enantiomers in das Racemat, etwa über ein planares Carbokation.

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Aussage 1

Die E2-Eliminierung aus 2-Brombutan ist stereoselektiv, aber nicht enantioselektiv.

(E)-But-2-en entsteht bevorzugt, doch beide möglichen Alkene sind achiral, ein Enantiomerenüberschuss ist also nicht möglich.

Aussage 2

Werden an einem Stereozentrum zwei \(\mathrm{S_N2}\)-Reaktionen nacheinander durchgeführt, ist die Konfiguration am Ende invertiert.

Jeder \(\mathrm{S_N2}\)-Schritt invertiert. Zwei Inversionen heben sich auf, insgesamt resultiert Retention.

Aussage 3

Die Reduktion von Acetessigester mit \(\ce{LiAlH4}\) zu Butan-1,3-diol ist eine chemoselektive Reaktion.

\(\ce{LiAlH4}\) reduziert Keton und Ester, die Reaktion ist nichtselektiv. Chemoselektiv ist die Reduktion mit \(\ce{NaBH4}\), die nur das Keton umsetzt.

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