Reaktionsmechanismen

Wagner-Meerwein-Umlagerung von Carbenium-Ionen

Wie Alkylgruppen in Carbenium-Ionen zum Nachbaratom wandern und wie man daraus Umlagerungsprodukte und Ringerweiterungen ableitet.

Prüfungsrelevanz: relevant ✓ gelesen
Das Wichtigste in Kürze5 Punkte
  • Die Wagner-Meerwein-Umlagerung ist eine anionotrope 1,2-Verschiebung einer Alkylgruppe an ein benachbartes Carbenium-Ion, bei der eine C-C-Bindung gelöst und eine neue geknüpft wird.
  • Die Gruppe wandert mit ihrem Bindungselektronenpaar, Triebkraft ist ein stabileres Kation.
  • Aus 2-Brom-1,1-dimethylcyclohexan entstehen in Methanol nach Methylverschiebung 1-Methoxy-1,2-dimethylcyclohexan und 1,2-Dimethylcyclohexen.
  • Wandert eine Ringbindung, folgt Ringerweiterung: (Tetrahydrofuran-2-yl)methanol wird säurekatalysiert zu 3,4-Dihydro-2H-pyran.
  • 2-Cyclopropylpropan-2-ol gibt mit \(\ce{HBr}\) über das 2,2-Dimethylcyclobutyl-Kation und das 1,2-Dimethylcyclobutyl-Kation 1-Brom-1,2-dimethylcyclobutan.

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Worum es geht

Carbenium-Ionen behalten ihr Gerüst nicht immer bei. Oft ordnen sie sich zu einem stabileren Kation um. Wer Produkte von SN1-, E1- oder säurekatalysierten Reaktionen vorhersagen will, muss diese Umlagerung einplanen. Entdeckt wurde sie an Terpenen wie Camphen.

Anionotrope 1,2-Verschiebung

Bei einer Umlagerung ändert sich das Gerüst eines Moleküls. Die einfachste Form läuft an Carbenium-Ionen ab. Deren positives Kohlenstoffatom besitzt nur ein Elektronensextett. Ein Substituent am Nachbaratom kann deshalb samt Bindungselektronenpaar herüberrücken.

📖 Definition: Anionotrope 1,2-Verschiebung

Eine Gruppe wandert mit ihrem Bindungselektronenpaar, formal als Anion, vom Nachbaratom an das Elektronenmangelzentrum. Die positive Ladung sitzt danach am Herkunftsatom.

Triebkraft ist ein stabileres Kation. Wandert ein Wasserstoff, spricht man von Hydridverschiebung. Solche Schritte konkurrieren mit jeder Reaktion über Carbenium-Ionen, etwa SN1 und E1.

Grundlagen

Wandert eine Alkylgruppe, heißt der Vorgang Wagner-Meerwein-Umlagerung. Dabei bricht eine C-C-Bindung, und zum Nachbarkohlenstoff entsteht eine neue. Die Zwischenstufen sind Carbenium-Ionen. Das umgelagerte Kation fängt danach ein Nucleophil ab oder gibt ein Proton ab.

Mechanismus mit Elektronenpfeilen: Alkylgruppe wandert von einem Kohlenstoff zum benachbarten Carbenium-Zentrum, danach Angriff eines Nucleophils.

Wagner-Meerwein-Umlagerung: Die Alkylgruppe wandert mit ihrem Elektronenpaar, die Ladung rückt an den Herkunftskohlenstoff.

Gehört die wandernde Bindung zu einem Ring, wächst der Ring um ein Glied. So wird (Tetrahydrofuran-2-yl)methanol mit Säure zu 3,4-Dihydro-2H-pyran:

\[\ce{C5H10O2 ->[H+] C5H8O + H2O}\]

Nach Protonierung und Wasserabspaltung wandert die Ringbindung C2-C3 an die exocyclische \(\ce{CH2}\)-Gruppe. Das entstehende Oxocarbenium-Ion stabilisiert der Ringsauerstoff mit seinem freien Elektronenpaar. Deprotonierung liefert den Enolether.

Reaktionsschema von Tetrahydrofurfurylalkohol über Kationen zu 3,4-Dihydro-2H-pyran.

Ringerweiterung vom Tetrahydrofuran zum Dihydropyran über ein Oxocarbenium-Ion.

Erkennen lässt sich die Umlagerung am Gerüst. Steht ein Substituent im Produkt am Nachbaratom, wird ein Ring größer oder geht ein Spirocyclus in ein anelliertes System über, ist eine Bindung gewandert. Ein Beispiel ist die säurekatalysierte Umwandlung eines spirocyclischen benzylischen Alkohols in ein Hexahydrophenanthren.

Methylverschiebung

Typisch ist die Methylverschiebung neben einem quartären Kohlenstoff. Aus 1-Chlor-2,2-dimethylpropan entstünde ein primäres Kation. Eine Methylgruppe rückt herüber, und es bildet sich ein tertiäres Kation:

\[\ce{(CH3)3C-CH2^{+} -> (CH3)2C^{+}-CH2CH3}\]

Ebenso wird das sekundäre Kation aus 2-Iod-3,3-dimethylbutan zum tertiären 2,3-Dimethylbutan-2-yl-Kation. Die Methanolyse von 2-Brom-1,1-dimethylcyclohexan zeigt alle Produktwege:

  1. Ionisierung: Bromid geht ab, an C2 entsteht ein sekundäres Kation.
  2. Methylverschiebung: Eine Methylgruppe wandert von C1 nach C2, die Ladung sitzt am tertiären C1.
  3. Substitution: Methanol fängt ab, es entsteht 1-Methoxy-1,2-dimethylcyclohexan.
  4. Eliminierung: Protonabgabe liefert 1,2-Dimethylcyclohexen.
  5. Ohne Umlagerung: Das sekundäre Kation ergibt 2-Methoxy-1,1-dimethylcyclohexan.

Verzweigtes Reaktionsschema mit zwei Kationen und den daraus entstehenden Ether- und Alkenprodukten.

Methanolyse von 2-Brom-1,1-dimethylcyclohexan: Produkte aus dem unumgelagerten und dem umgelagerten Kation.

Die Gruppe wandert nur zum direkten Nachbarn. Die Methylgruppen stehen danach an C1 und C2, die Methoxygruppe am tertiären C1. Ein 1-Methoxy-2,3-dimethylcyclohexan entsteht daher nicht.

Ringerweiterung kleiner Ringe

Kleine Ringe neben einem Kationzentrum erweitern sich leicht. Der frühere Carbinyl-Kohlenstoff wird dabei Ringglied. 2-Cyclopropylpropan-2-ol reagiert mit HBr zu 1-Brom-1,2-dimethylcyclobutan:

\[\ce{C6H12O + HBr -> C6H11Br + H2O}\]

  1. Protonierung: Die OH-Gruppe wird zum Oxonium-Ion.
  2. Wasserabspaltung: Es entsteht das tertiäre Cyclopropylcarbinyl-Kation.
  3. Ringerweiterung: Eine Ringbindung wandert, es bildet sich das sekundäre 2,2-Dimethylcyclobutyl-Kation.
  4. Methylverschiebung: Eine Methylgruppe rückt von C2 nach C1 zum tertiären 1,2-Dimethylcyclobutyl-Kation.
  5. Abfang: Bromid addiert an C1.

Mechanismus in fünf Schritten vom Cyclopropylalkohol über drei Carbenium-Ionen zum bromierten Cyclobutan.

Ringerweiterung und Methylverschiebung: vom Cyclopropylcarbinyl-Kation zum 1-Brom-1,2-dimethylcyclobutan.

Das Cyclopropylcarbinyl-Kation geht besonders leicht in Cyclobutyl-Kationen über. Am Ende steht das tertiäre Kation. Alle Zwischenstufen sind Carbenium-Ionen, ungesättigte Kleinringe wie Cyclopropen- oder Bicyclo[2.1.0]penten-Derivate treten nicht auf. Analog erweitert sich ein Cyclobutylcarbenium-Ion zum 2,2-Dimethylcyclopentyl-Kation, getrieben auch vom Abbau der Ringspannung.

💡 Merke

Nach der Ringerweiterung steht der frühere \(\ce{C(CH3)2}\)-Kohlenstoff direkt neben dem Kationzentrum. Aus 2-Cyclobutylpropan-2-ol entsteht deshalb auch mit Methanthiol kein 3,3-Dimethylcyclopentyl-Kation.

Quiz

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Aussage 1

Das sekundäre Kation aus 2-Brom-1,1-dimethylcyclohexan geht durch 1,2-Methylverschiebung in das tertiäre 1,2-Dimethylcyclohexyl-Kation über.

Eine Methylgruppe wandert von C1 nach C2, die Ladung sitzt danach am tertiären C1.

Aussage 2

Die säurekatalysierte Umwandlung von (Tetrahydrofuran-2-yl)methanol in 3,4-Dihydro-2H-pyran ist eine Wagner-Meerwein-Umlagerung mit Ringerweiterung.

Die Ringbindung C2-C3 wandert an die exocyclische \(\ce{CH2}\)-Gruppe, aus dem Fünfring wird ein Sechsring.

Aussage 3

Bei der Umsetzung von 2-Cyclopropylpropan-2-ol mit \(\ce{HBr}\) entsteht durch die Ringerweiterung direkt ein tertiäres Cyclobutyl-Kation.

Die Ringerweiterung liefert das sekundäre 2,2-Dimethylcyclobutyl-Kation. Erst die folgende Methylverschiebung ergibt das tertiäre 1,2-Dimethylcyclobutyl-Kation.

Aussage 4

Bei der Wagner-Meerwein-Umlagerung wandert die Alkylgruppe ohne ihr Bindungselektronenpaar zum Nachbaratom.

Die Gruppe wandert mit ihrem Bindungselektronenpaar zum Elektronensextett, die Ladung rückt an das Herkunftsatom.

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