Reaktionsmechanismen

Elektrophile Addition an Alkine

Wie Alkine Halogene, Bromwasserstoff und Wasser addieren und wie man je nach Reagenz gezielt Methylketon oder Aldehyd erhält.

Prüfungsrelevanz: relevant ✓ gelesen
Das Wichtigste in Kürze5 Punkte
  • Die elektrophile Addition an Alkine verläuft wie bei Alkenen, aber langsamer, weil Vinylkationen und gespannte cyclische Kationen wenig stabil sind.
  • Ein Äquivalent Brom addiert anti: Hex-3-in gibt (E)-3,4-Dibromhex-3-en; Ethin gibt mit \(\ce{Cl2/FeCl3}\) 1,2-Dichlorethen.
  • Zweifache HBr-Addition an Ethin führt über Bromethen zum geminalen 1,1-Dibromethan.
  • \(\ce{HgSO4}\)/\(\ce{H2SO4}\) hydratisiert terminale Alkine nach Markownikow über das Enol zu Methylketonen, Ethin dagegen zu Acetaldehyd.
  • Hydroborierung (elektrophil, syn, über ein Vinylboran) und Oxidation mit \(\ce{H2O2}\)/NaOH liefern aus terminalen Alkinen Aldehyde gleicher C-Zahl.

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Worum es geht

Alkine addieren Halogene, Halogenwasserstoff und Wasser ähnlich wie Alkene, nur langsamer und mit eigener Stereochemie. Am nützlichsten ist die Hydratisierung: Aus demselben terminalen Alkin entsteht je nach Reagenz ein Methylketon oder ein Aldehyd. Das ist ein wichtiger Weg zu Carbonylbausteinen in der Arzneistoffsynthese.

Reaktivität der Alkine

Alkine tragen zwei π-Bindungen. Trotzdem reagieren sie mit Elektrophilen langsamer als Alkene. Die sp-hybridisierten Kohlenstoffatome halten ihre π-Elektronen fester. Beim Angriff entsteht außerdem ein Vinylkation oder ein gespanntes dreigliedriges Kation. Beide sind weniger stabil als das Carbenium-Ion aus einem Alken.

Die höhere Aktivierungsenergie bremst also jeden elektrophilen Angriff. Herstellung und Acidität der Stoffklasse behandelt die Einheit Alkine.

Halogen- und HBr-Addition

Brom addiert an Alkine wie an Alkene über ein cyclisches Kation, hier das Bromirenium-Ion. Das Bromid greift von der Gegenseite an. Den Mechanismus erklärt die Einheit Bromaddition über das Bromonium-Ion. Mit einem Äquivalent Halogen entsteht so ein vicinales Dihalogenalken mit (E)-Konfiguration.

\[\ce{C2H5-C#C-C2H5 + Br2 -> C2H5-CBr=CBr-C2H5}\]

Aus Hex-3-in wird durch diese anti-Addition (E)-3,4-Dibromhex-3-en. Die beiden Bromatome stehen trans, wie die Abbildung zeigt.

Mechanismus der Bromaddition an Hex-3-in mit dreigliedrigem Bromirenium-Ion und anti-Angriff des Bromids zum (E)-3,4-Dibromhex-3-en

Bromaddition an Hex-3-in über das Bromirenium-Ion zum (E)-Dibromalken

Chlor reagiert analog, braucht aber \(\ce{FeCl3}\) als Lewis-Säure-Katalysator. Ethin gibt dabei 1,2-Dichlorethen, stereoselektiv als (E)-Isomer.

\[\ce{HC#CH + Cl2 ->[FeCl3] ClHC=CHCl}\]

Bromwasserstoff addiert dagegen zweimal, wenn genug davon vorliegt. Beide Schritte folgen der Markownikow-Regel. Zuerst entsteht Bromethen. Im zweiten Schritt geht das Proton an die \(\ce{CH2}\)-Gruppe, weil Brom das benachbarte Kation durch seinen +M-Effekt stabilisiert. Das Produkt ist das geminale 1,1-Dibromethan.

\[\ce{HC#CH ->[HBr] H2C=CHBr ->[HBr] H3C-CHBr2}\]

Hydratisierung und Hydroborierung

Wasser addiert an Alkine nur mit Katalysator: \(\ce{HgSO4}\) in verdünnter Schwefelsäure. Das Produkt ist eine Carbonylverbindung, kein Alkohol. Terminale Alkine liefern nach Markownikow Methylketone.

\[\ce{R-C#CH + H2O ->[HgSO4, H2SO4] R-CO-CH3}\]

  1. π-Komplex: \(\ce{Hg^2+}\) koordiniert an die Dreifachbindung und macht sie elektrophil.
  2. Angriff: Wasser greift am höher substituierten C-Atom an.
  3. Protodemercurierung: Nach Deprotonierung ersetzt ein Proton das Quecksilber. Es entsteht ein Enol.
  4. Tautomerie: Das Enol lagert sich zum Keton um (Keto-Enol-Tautomerie).

Mechanismusschema der quecksilberkatalysierten Hydratisierung eines terminalen Alkins bis zum Methylketon

Hydratisierung terminaler Alkine mit HgSO4/H2SO4: über das Enol zum Methylketon
⚠️ Achtung: Ethin als Sonderfall

Ethin hat kein höher substituiertes C-Atom. Seine Hg(II)-katalysierte Hydratisierung liefert deshalb Acetaldehyd (\(\ce{CH3CHO}\)) statt eines Ketons.

Die umgekehrte Regiochemie liefert die Hydroborierung. Boran wird als \(\ce{B2H6}\) eingesetzt oder aus \(\ce{NaBH4/BF3}\) erzeugt. Es greift elektrophil an. Bor geht regioselektiv an das endständige, weniger gehinderte C-Atom. H und B addieren syn.

So entsteht ein Vinylboran mit cis-ständigem H und B. Ein trans-Alken bildet sich dabei nicht. Die Oxidation mit \(\ce{H2O2}\)/NaOH ersetzt Bor durch OH. Das Enol tautomerisiert zum Aldehyd mit gleicher C-Zahl.

\[\ce{R-C#CH ->[1. B2H6][2. H2O2, NaOH] R-CH2-CHO}\]

Mechanismus der Hydroborierung eines terminalen Alkins mit anschließender Oxidation zum Aldehyd

Hydroborierung und Oxidation: anti-Markownikow über Vinylboran und Enol zum Aldehyd

Am Beispiel Ethinylbenzol sieht man, wie das Reagenz über das Produkt entscheidet.

A Quecksilberkatalyse
  • Markownikow
  • über das Enol zum Methylketon
  • Ethinylbenzol gibt Acetophenon
B Hydroborierung und Oxidation
  • anti-Markownikow, syn
  • über Vinylboran und Enol zum Aldehyd
  • Ethinylbenzol gibt Phenylacetaldehyd

Reaktionsschema: Ethinylbenzol reagiert mit Quecksilbersulfat zu Acetophenon und nach Hydroborierung und Oxidation zu Phenylacetaldehyd

Ein Alkin, zwei Produkte: Methylketon oder Aldehyd je nach Reagenz
💡 Merke

Terminales Alkin zum Aldehyd gleicher C-Zahl: Hydroborierung, dann \(\ce{H2O2}\)/NaOH. Terminales Alkin zum Methylketon: \(\ce{HgSO4}\)/\(\ce{H2SO4}\).

Quiz

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Aussage 1

Ethinylbenzol liefert nach Hydroborierung und Oxidation mit \(\ce{H2O2}\)/NaOH Phenylacetaldehyd.

Die Hydroborierung verläuft anti-Markownikow. Das Enol tautomerisiert zum Aldehyd. Mit \(\ce{HgSO4}\)/\(\ce{H2SO4}\) entstünde dagegen Acetophenon.

Aussage 2

Addiert man ein Äquivalent Brom an Hex-3-in, erhält man (E)-3,4-Dibromhex-3-en.

Über das Bromirenium-Ion greift das Bromid von der Gegenseite an. Die anti-Addition ergibt das (E)-Dibromalken.

Aussage 3

Gegenüber Elektrophilen sind Alkine reaktiver als Alkene, weil sie zwei π-Bindungen besitzen.

Alkine reagieren langsamer als Alkene. Die Kationen, die beim Angriff entstehen, sind weniger stabil.

Aussage 4

Ethin reagiert mit zwei Äquivalenten \(\ce{HBr}\) über Bromethen zu 1,2-Dibromethan.

Nach Markownikow entsteht das geminale 1,1-Dibromethan. Brom stabilisiert das Kation am selben C-Atom.

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