Organische Bestandteile

Stereoisomere: cis/trans-Isomere und Chiralität

Wie man die cis/trans-Isomere Ölsäure und Elaidinsäure analytisch auseinanderhält und an Strukturformeln entscheidet, ob ein Arzneistoff chiral ist.

Prüfungsrelevanz: wichtig ✓ gelesen
Das Wichtigste in Kürze5 Punkte
  • Stereoisomere haben gleiche Konstitution und unterscheiden sich nur räumlich: cis/trans-Isomere wie Ölsäure (9Z) und Elaidinsäure (9E) sind Diastereomere.
  • Ölsäure und Elaidinsäure unterscheidet man über die olefinischen Protonen im \(\ce{^1H}\)-NMR und als Methylester per GC über die Retentionszeit.
  • Bromentfärbung, IR-Carbonylbande, NaOH-Verbrauch und das Molekülion im EI-MS (\(m/z\) 296 der Methylester) sind für beide gleich.
  • Bisacodyl ist achiral, weil das zentrale C-Atom zwei gleiche 4-Acetoxyphenylreste trägt, und ist nicht polarimetrisch bestimmbar; auch Metronidazolbenzoat, Ölsäure und Elaidinsäure sind achiral.
  • Ofloxacin ist chiral (Stereozentrum C3, (S)-Form = Levofloxacin), Ethambutol liegt als (S,S)-Enantiomer vor und ist keine meso-Form.

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Worum es geht

Stereoisomere haben dieselbe Konstitution und unterscheiden sich nur in der räumlichen Anordnung ihrer Atome. Viele Analysenmethoden sehen diesen Unterschied gar nicht. Für die Arzneistoffprüfung muss man deshalb wissen, welche Methode cis von trans trennt und wann ein Stoff überhaupt optisch aktiv sein kann.

Ölsäure und Elaidinsäure

Ölsäure und Elaidinsäure sind beide Octadec-9-ensäuren. Sie unterscheiden sich nur in der Geometrie der Doppelbindung zwischen C9 und C10. Ölsäure ist das cis-Isomer (9Z), Elaidinsäure das trans-Isomer (9E). Solche cis/trans-Isomere sind Diastereomere und keine Spiegelbilder.

Skelettformeln von Ölsäure mit geknickter Kette und Elaidinsäure mit gestreckter Kette, Doppelbindung zwischen C9 und C10 markiert.

Ölsäure (cis) und Elaidinsäure (trans): gleiche Konstitution, unterschiedliche Geometrie an C9=C10.

Die cis-Doppelbindung knickt die Kette, die trans-Kette bleibt gestreckt. Gestreckte Ketten packen sich dichter im Kristall. Deshalb ist Elaidinsäure bei Raumtemperatur fest und Ölsäure flüssig (zur Schmelztemperatur).

Welche Methode trennt

Summenformel, Molmasse und funktionelle Gruppen sind bei beiden identisch. Jede Methode, die nur darauf anspricht, liefert dasselbe Ergebnis. Unterscheiden kann nur eine Methode, die auf die Geometrie reagiert.

Methode Was sie erfasst Unterscheidung
Brom-Lösung Addition an C=C nein, beide entfärben
IR, C=O-Valenzschwingung (Nujol) Carboxylgruppe nein, gleiche Bandenlage
Titration mit NaOH-Maßlösung eine COOH-Gruppe nein, gleicher Verbrauch je mol
EI-MS der Methylester Molekülion nein, beide bei \(m/z\) 296
Polarimetrie optische Drehung nein, beide achiral
\(\ce{^1H}\)-NMR olefinische Protonen ja
GC der Methylester (z. B. FID) Retentionszeit ja

Die Bromentfärbung zeigt nur, dass eine Doppelbindung vorhanden ist. Beide Säuren tragen genau eine Carboxylgruppe, also verbrauchen sie bei gleicher Stoffmenge gleich viel Lauge. Ihre Methylester haben dieselbe Summenformel \(\ce{C19H36O2}\) und damit dasselbe Molekülion.

Im \(\ce{^1H}\)-NMR liegen die Signale der olefinischen Protonen um 5,3 ppm. Ihre Umgebung hängt von der Geometrie ab, daher unterscheiden sich die Signale von cis- und trans-Isomer (olefinische Protonen). Für die Gaschromatographie überführt man die Säuren zuerst in ihre Methylester. Diese sind flüchtiger als die freien Säuren. Geknickte und gestreckte Ketten wechselwirken verschieden mit der stationären Phase und erscheinen bei verschiedenen Retentionszeiten.

Chiralität

Ein Molekül ist chiral, wenn es mit seinem Spiegelbild nicht zur Deckung kommt. Meist liegt das an einem Stereozentrum, einem sp³-C-Atom mit vier verschiedenen Substituenten. Nur chirale Stoffe können die Ebene polarisierten Lichts drehen und sich polarimetrisch bestimmen lassen. Ein achiraler Stoff hat keine spezifische Drehung.

  1. sp³-C-Atome suchen: Doppelbindungs- und Aromaten-C haben nur drei Partner und scheiden aus.
  2. Substituenten vergleichen: Ganze Reste vergleichen, nicht nur das erste Atom. Zwei gleiche Reste heißen: kein Stereozentrum.
  3. Konfiguration bestimmen: Nach CIP die Prioritäten 1 bis 4 vergeben und R oder S ablesen.
  4. Spiegelebene prüfen: Zwei gleich gebaute Zentren mit R und S ergeben eine achirale meso-Form.

Achirale Arzneistoffe

Das zentrale Methin-C-Atom von Bisacodyl trägt ein H-Atom, einen Pyridin-2-yl-Rest und zwei gleiche 4-Acetoxyphenylreste. Damit ist es kein Stereozentrum. Eine Spiegelebene läuft durch H, C und Pyridinring und teilt das Molekül in zwei deckungsgleiche Hälften.

Strukturformel von Bisacodyl, zentrales C-Atom farbig markiert, zwei identische Acetoxyphenylreste gleich eingefärbt, gestrichelte Spiegelebene.

Bisacodyl: Das zentrale C-Atom trägt zwei gleiche 4-Acetoxyphenylreste und ist deshalb kein Stereozentrum.
🎯 Examensrelevant: Bisacodyl ohne Stereozentrum

Bisacodyl ist achiral, bildet keine Enantiomere und kann nicht polarimetrisch bestimmt werden. Das solltest du an der Strukturformel sicher erkennen: Entscheidend sind die zwei identischen Acetoxyphenylreste am zentralen C-Atom.

Auch Metronidazolbenzoat hat kein Stereozentrum und ist optisch inaktiv. Ölsäure und Elaidinsäure sind ebenfalls achiral. Jedes ihrer sp³-C-Atome trägt mindestens zwei Wasserstoffatome, und die Doppelbindung ist planar. Sie zeigen deshalb keine optische Drehung.

Chirale Arzneistoffe

Ofloxacin besitzt ein Stereozentrum an C3 des Oxazinrings. Dort sitzen Methylgruppe, H-Atom, die Ring-\(\ce{CH2O}\)-Gruppe und der Ring-Stickstoff, also vier verschiedene Partner. Das (S)-Enantiomer ist Levofloxacin.

Strukturformel von Ofloxacin, C3 mit Methylgruppe im Oxazinring markiert.

Ofloxacin: Stereozentrum an C3 des Oxazinrings; das (S)-Enantiomer ist Levofloxacin.
⚠️ Achtung: Chiral heißt nicht drehend

Ofloxacin wird als Racemat eingesetzt. Die Drehungen beider Enantiomere heben sich auf, die Substanz dreht insgesamt nicht, obwohl das Molekül chiral ist. Erst das reine Levofloxacin ist optisch aktiv.

Ethambutol ist symmetrisch gebaut: Zwei 1-Hydroxybutan-2-yl-Reste hängen über eine Ethylendiamin-Brücke zusammen. Es hat daher zwei Stereozentren. An jedem gilt die Priorität NH > \(\ce{CH2OH}\) > \(\ce{CH2CH3}\) > H. Möglich sind (S,S), (R,R) und die meso-Form (R,S) mit innerer Spiegelebene.

Zwei Keilstrichformeln von Ethambutol, links beide Zentren S, rechts R und S mit eingezeichneter Spiegelebene, Prioritäten nummeriert.

Ethambutol: (S,S)-Enantiomer im Vergleich zur meso-Form (R,S) mit CIP-Prioritäten.

In der Keilstrichformel prüft man jedes Zentrum einzeln. Zeigt das H-Atom nach hinten und laufen die Prioritäten 1 → 2 → 3 gegen den Uhrzeigersinn, liegt S vor. Der Arzneistoff ist (S,S)-Ethambutol. Beide Zentren haben dieselbe Konfiguration, also fehlt die Spiegelebene. Ethambutol ist deshalb keine meso-Verbindung, sondern chiral und optisch aktiv.

Quiz

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Aussage 1

Nach Überführung in die Methylester lassen sich Ölsäure und Elaidinsäure gaschromatographisch über ihre Retentionszeiten unterscheiden.

Geknickte und gestreckte Ketten wechselwirken verschieden mit der stationären Phase und eluieren zu verschiedenen Zeiten.

Aussage 2

Gleiche Stoffmengen Ölsäure und Elaidinsäure verbrauchen bei der Titration unterschiedlich viel NaOH-Maßlösung.

Beide tragen genau eine Carboxylgruppe und verbrauchen daher je mol gleich viel Lauge.

Aussage 3

Bisacodyl lässt sich polarimetrisch bestimmen, weil sein zentrales Methin-C-Atom ein Stereozentrum ist.

Das zentrale C-Atom trägt zwei gleiche 4-Acetoxyphenylreste und ist kein Stereozentrum. Bisacodyl ist achiral und optisch inaktiv.

Aussage 4

Ofloxacin besitzt ein Stereozentrum im Oxazinring, und sein (S)-Enantiomer ist Levofloxacin.

C3 trägt Methylgruppe, H-Atom, Ring-CH2O-Gruppe und Ring-Stickstoff, also vier verschiedene Substituenten.

Aussage 5

Im EI-Massenspektrum zeigen die Methylester von Ölsäure und Elaidinsäure Molekülionen bei verschiedenen \(m/z\)-Werten.

Beide Ester haben die Summenformel \(\ce{C19H36O2}\) und damit dasselbe Molekülion bei \(m/z\) 296.

Aussage 6

Der Arzneistoff Ethambutol ist das (S,S)-Isomer und damit optisch aktiv und keine meso-Verbindung.

Beide Stereozentren haben dieselbe Konfiguration, eine innere Spiegelebene fehlt. Nur die (R,S)-Form wäre meso.

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