Potentiometrie

Potentiometrische Säure-Base-Titrationen in Wasser

Welche Elektroden Säure-Base-Titrationen in Wasser anzeigen, wovon die Höhe des Potentialsprungs abhängt und wie man Kurven mehrprotoniger Säuren und Carbonatgehalte deutet.

Prüfungsrelevanz: gut zu wissen ✓ gelesen
Das Wichtigste in Kürze5 Punkte
  • Potentiometrische Säure-Base-Titrationen in Wasser zeigen den Endpunkt über eine pH-empfindliche Messelektrode an.
  • Geeignet sind Glaselektrode, Wasserstoffelektrode (platiniertes Pt, \(\ce{H2}\)) und Antimonelektrode (\(\ce{Sb/Sb2O3}\)); für Redox- oder \(\ce{Ca^2+}\)-Titrationen ist die Glaselektrode nicht Standard.
  • Der Potentialsprung wird kleiner mit steigendem p\(K_\mathrm{a}\), sinkender Konzentration und größerer Autoprotolyse des Lösungsmittels.
  • Glutaminsäure gibt mit NaOH zwei Sprünge, der erste größer; Schwefelsäure nur einen, mit 2 Äquivalenten Verbrauch.
  • Verwittertes Natriumcarbonat-Decahydrat kann über 100 % ergeben; Monohydrat läge bei 231 %, wasserfreies Salz bei 270 %.

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Worum es geht

Viele Gehaltsbestimmungen im Arzneibuch sind Säure-Base-Titrationen, deren Endpunkt man potentiometrisch statt mit einem Farbindikator findet. Dafür braucht man eine pH-empfindliche Messelektrode. Die Kurvenform verrät dann, wie stark die Säure ist und wie viele Protonen sie abgibt.

Messelektroden

Die Messelektrode muss ein pH-abhängiges Potential liefern. Standard ist die Glaselektrode. Zwei Alternativen nutzen ein pH-abhängiges Redoxgleichgewicht.

Die Wasserstoffelektrode ist ein platiniertes Platinblech, das von Wasserstoffgas umspült wird:

\[\ce{2H+ + 2e- <=> H2}\]

Bei 1 bar und 25 °C sinkt ihr Potential um 59 mV je pH-Einheit. Die Antimonelektrode ist ein Antimonstab mit Oxidschicht. Sie ist robust, aber weniger genau:

\[\ce{Sb2O3 + 6H+ + 6e- <=> 2Sb + 3H2O}\]

Zwei Elektrodenskizzen nebeneinander: links ein von Wasserstoffgas umspültes Platinblech, rechts ein Antimonstab mit Oxidbelag in Lösung.

Wasserstoff- und Antimonelektrode als pH-Messelektroden.

Für andere Titrationsarten ist die Glaselektrode nicht die Standardwahl. Redoxtitrationen zeigt man mit einer Platinelektrode an, die Komplexometrie von \(\ce{Ca^2+}\) mit einer ionenselektiven Calciumelektrode.

Größe des Potentialsprungs

Bei einer einbasigen Säure bestimmen drei Größen, wie hoch der Sprung am Äquivalenzpunkt ausfällt:

  • p\(K_\mathrm{a}\)-Wert: Je schwächer die Säure, desto höher startet die Kurve und desto kleiner der Sprung.
  • Anfangskonzentration: Verdünnung flacht den Sprung ab.
  • Autoprotolysekonstante des Lösungsmittels: Sie begrenzt den pH-Bereich. In Wasser endet er bei p\(K_\mathrm{W}\) = 14. Geringere Autoprotolyse spreizt die Skala und vergrößert den Sprung.

Diagramm mit vier Titrationskurven; die starke 0,1-molare Säure zeigt den höchsten Sprung, die Säure mit pKa 7 praktisch keinen.

Potentialsprung bei der Titration mit NaOH: Je schwächer und je verdünnter die Säure, desto kleiner der Sprung.

Potentiometrisch findet man den Wendepunkt auch bei schwachen Säuren wie Essigsäure präzise. Bei p\(K_\mathrm{a}\) um 7 verschwindet der Sprung in Wasser jedoch praktisch. Dann titriert man in nichtwässrigen Lösungsmitteln, schwache Basen etwa mit Perchlorsäure.

Mehrprotonige Säuren

Getrennte Sprünge entstehen nur, wenn die p\(K_\mathrm{a}\)-Werte weit auseinanderliegen. Glutaminsäure liegt als Zwitterion vor und zeigt mit NaOH zwei Sprünge. Das erste Äquivalent deprotoniert die zweite Carboxygruppe (p\(K_\mathrm{a}\) ≈ 4,3). Danach liegt das Monoanion vor, nicht das neutrale Zwitterion. Das zweite Äquivalent deprotoniert die Ammoniumgruppe (p\(K_\mathrm{a}\) ≈ 9,7). Dieser Sprung ist deshalb deutlich kleiner.

Titrationskurve mit zwei Stufen; erste Stufe steil um pH 7, zweite flach im alkalischen Bereich, darunter Strukturformeln von Zwitterion, Monoanion und Dianion.

Glutaminsäure mit NaOH: zwei Sprünge, der erste größer; nach einem Äquivalent liegt das Monoanion vor.

Schwefelsäure gibt nur einen deutlichen Sprung. Ihre zweite Stufe ist mit p\(K_\mathrm{a}\) ≈ 1,9 so stark, dass beide Protonen gemeinsam reagieren. Bis Bromthymolblau verbraucht sie 2 Äquivalente NaOH, bis Methylorange praktisch ebenso.

Natriumcarbonat-Decahydrat

Den Gehalt bestimmt man mit Salzsäure:

\[\ce{Na2CO3 + 2HCl -> 2NaCl + H2O + CO2 ^}\]

Beispiel: 0,500 g verbrauchen 36,0 mL HCl 0,1 mol/L. Das sind 1,80 mmol Carbonat oder 515 mg Decahydrat, also 103 %.

Über 100 % ist hier kein Messfehler. Das Decahydrat verwittert an der Luft und verliert Kristallwasser. Je Gramm enthält es dann mehr Carbonat. Eine Verwechslung prüft man über die Molmassen:

Substanz M in g/mol Gehalt, berechnet als Decahydrat
\(\ce{Na2CO3*10H2O}\) 286,1 100 %
\(\ce{Na2CO3*H2O}\) 124,0 231 %
\(\ce{Na2CO3}\) 106,0 270 %

Werte um 107 % passen also zu teilweiser Verwitterung und schließen Monohydrat oder wasserfreies Salz aus.

Quiz

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Aussage 1

Ein Lösungsmittel mit geringerer Autoprotolyse als Wasser vergrößert den Potentialsprung einer schwachen Säure.

Die Autoprotolysekonstante begrenzt den nutzbaren pH-Bereich. Ist sie kleiner, wird die Skala breiter und der Sprung größer.

Aussage 2

Bei der Titration von Schwefelsäure mit Natronlauge erhält man zwei deutlich getrennte Potentialsprünge.

Die zweite Stufe ist mit p\(K_\mathrm{a}\) ≈ 1,9 so stark, dass beide Protonen gemeinsam titriert werden. Es gibt nur einen deutlichen Sprung.

Aussage 3

Ergibt Natriumcarbonat-Decahydrat einen Gehalt von 107 %, wurde vermutlich Monohydrat eingewogen.

Monohydrat ergäbe etwa 231 %. 107 % sprechen für teilweise verwittertes Decahydrat.

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