Stöchiometrie von Redoxtitrationen
Wie man aus Elektronenzahlen die Stoffmengenverhältnisse von Redoxtitrationen ableitet und daraus Verbrauchsvolumina, Konzentrationen und Äquivalente berechnet.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Redoxstöchiometrie leitet das Stoffmengenverhältnis einer Titration aus dem Ausgleich der abgegebenen und aufgenommenen Elektronen ab.
- Permanganat nimmt in saurer Lösung 5 Elektronen auf: Oxalsäure, Nitrit und \(\ce{H2O2}\) reagieren 5 : 2, \(\ce{Fe^2+}\) 5 : 1.
- Hydrazin (4 e⁻) und Bromat (6 e⁻) reagieren 3 : 2, also 2/3 mol Bromat je mol Hydrazin.
- 1 mol Bromat setzt 3 mol Brom frei. Procain verbraucht nach Koppeschaar 4 Äquivalente Brom.
- 1 mL Iod 0,05 mol/L entspricht 6,30 mg Natriumsulfit. 0,5 mol/L \(\ce{As2O3}\) sind 1 mol/L As(III).
- Bei der iodometrischen Kupferbestimmung entspricht 1 mol Thiosulfat 1 mol \(\ce{CuSO4}\).
Worum es geht
Bei Redoxtitrationen bestimmt der Elektronenausgleich, wie viel Maßlösung ein Analyt verbraucht. Aus diesem Verhältnis berechnest du Verbrauchsvolumen, Titer und das Massenäquivalent je Milliliter, das jede Gehaltsbestimmung im Arzneibuch nennt.
Elektronenbilanz
Das Reduktionsmittel gibt genau so viele Elektronen ab, wie das Oxidationsmittel aufnimmt. Die Elektronen je Teilchen liest du an der Änderung der Oxidationszahl ab. Diese Änderung multiplizierst du mit der Zahl der betroffenen Atome. Das kleinste gemeinsame Vielfache beider Elektronenzahlen liefert das Stoffmengenverhältnis.
Permanganat geht in saurer Lösung von Mn(+VII) zu \(\ce{Mn^2+}\) über und nimmt 5 Elektronen auf. In Oxalsäure steigen beide C-Atome von +III auf +IV, zusammen 2 Elektronen. Zehn Elektronen gleichen sich aus, Oxalsäure und Permanganat reagieren also 5 : 2:
\[\ce{5 H2C2O4 + 2 MnO4- + 6 H+ -> 10 CO2 + 2 Mn^2+ + 8 H2O}\]
Elektronenzahlen über Kreuz: Nimmt das Oxidationsmittel a Elektronen auf und gibt der Analyt b ab, reagieren a mol Analyt mit b mol Oxidationsmittel (gekürzt).
Nach diesem Muster ergeben sich die übrigen Permanganat-Titrationen in saurer Lösung:
| Analyt | Änderung | e⁻ je Teilchen | Analyt : \(\ce{MnO4-}\) |
|---|---|---|---|
| \(\ce{Fe^2+}\) | +II → +III | 1 | 5 : 1 |
| \(\ce{NO2-}\) | N: +III → +V | 2 | 5 : 2 |
| \(\ce{H2O2}\) | O: −I → 0, zwei Atome | 2 | 5 : 2 |
\[\ce{5 NO2- + 2 MnO4- + 6 H+ -> 5 NO3- + 2 Mn^2+ + 3 H2O}\]
Bei Hydrazin gehen zwei N-Atome von −II auf 0, das sind 4 Elektronen. Bromat nimmt bis zum Bromid (+V → −I) 6 Elektronen auf. Das kgV 12 ergibt 3 : 2, also 2/3 mol Bromat je mol Hydrazin:
\[\ce{3 N2H4 + 2 BrO3- -> 3 N2 + 2 Br- + 6 H2O}\]
Dieses Ableiten aus den Elektronenzahlen wird im Examen gerne gefragt. Achte darauf, Atome mit mehrfachem Vorkommen mitzuzählen. Zum Verbrauchsvolumen: 0,50 mmol \(\ce{H2O2}\) brauchen \(\frac{2}{5} \cdot 0{,}50 = 0{,}20\) mmol \(\ce{MnO4-}\). Mit 0,02 mol/L Maßlösung sind das \(V = 0{,}20 / 0{,}02 = 10{,}0\) mL.
Bromatometrie
Kaliumbromat setzt in saurer Lösung mit Bromid-Überschuss Brom frei. 1 mol Bromat liefert 3 mol Brom:
\[\ce{BrO3- + 5 Br- + 6 H+ -> 3 Br2 + 3 H2O}\]
Daraus folgt \(c(\ce{KBrO3}) = \frac{n(\ce{Br2})}{3 \cdot V}\). Setzen 10,0 mL Lösung 1,50 mmol Brom frei, enthalten sie 0,50 mmol Bromat, also 0,050 mol/L. Bei der Bromierung nach Koppeschaar wird Procain zweifach ortho zur aromatischen Aminogruppe substituiert. Es verbraucht 2 mol \(\ce{Br2}\), das sind 4 Äquivalente Brom.
Iodometrie
Iod nimmt zwei Elektronen auf (\(\ce{I2 + 2 e- -> 2 I-}\)). Gibt ein Analyt ebenfalls zwei Elektronen ab, reagiert er 1 : 1 mit Iod. Das Massenäquivalent je Milliliter Maßlösung folgt dann allgemein aus:
\[m = c \cdot V \cdot M \cdot \frac{n_{Analyt}}{n_{I_2}}\]
\(m\) Analytmasse in mg, \(c\) Konzentration der Iod-Maßlösung in mol/L, \(V\) Volumen in mL, \(M\) molare Masse in g/mol.
Alle drei Beispiele reagieren 1 : 1 und beziehen sich auf Iod 0,05 mol/L, also 0,05 mmol je mL:
| Analyt | Reaktion | \(M\) in g/mol | Äquivalent je mL |
|---|---|---|---|
| Natriumsulfit | \(\ce{SO3^2-}\) → \(\ce{SO4^2-}\) | 126,04 | 6,30 mg |
| Dimercaprol | zwei SH bilden ein Disulfid | 124,2 | 6,21 mg |
| Formaldehyd | zu Formiat, alkalisch, Rücktitration | 30,03 | 1,50 mg |
Umgekehrt gibt der Verbrauch an Urtiter die Iodkonzentration: Bei 1 : 1 gilt \(c = \frac{m}{M \cdot V}\). Arsentrioxid liefert je mol zwei mol Arsenit, 0,5 mol/L \(\ce{As2O3}\) sind also 1 mol/L As(III). Jedes As(III) gibt zwei Elektronen ab und reagiert 1 : 1 mit Iod. Für 1,0 mmol Iod brauchst du daher von 0,1 mol/L \(\ce{As2O3}\) (0,2 mol/L As(III)) genau 5,0 mL.
Oxidationsmittel bestimmt man indirekt. Kupfer(II) setzt aus Kaliumiodid Iod frei, das mit Natriumthiosulfat gegen Stärke titriert wird:
\[\ce{2 Cu^2+ + 4 I- -> 2 CuI v + I2}\]
\[\ce{I2 + 2 S2O3^2- -> 2 I- + S4O6^2-}\]
Aus 2 : 1 : 2 wird 1 mol Thiosulfat je mol \(\ce{CuSO4}\). Mit 0,1 mol/L Thiosulfat entspricht 1 mL also 24,97 mg \(\ce{CuSO4 * 5 H2O}\) (\(M\) = 249,7 g/mol). Anders als Kupfer(II) setzt das Reduktionsmittel L-Cysteinhydrochlorid aus Iodid kein Iod frei. Es verbraucht Iod und wird iodimetrisch bestimmt.
Besonders prüfungsrelevant: 1 mL Iod-Maßlösung (0,05 mol/L) entspricht 6,30 mg Natriumsulfit, weil Sulfit 1 : 1 mit Iod reagiert. Bei Kupfer(II)-sulfat entspricht 1 mol Thiosulfat 1 mol \(\ce{CuSO4}\), nicht 2 mol.
Quiz
Aussage 1
Bei der iodometrischen Bestimmung von Kupfer(II)-sulfat verbraucht 1 mol \(\ce{Cu^2+}\) insgesamt 2 mol Thiosulfat.
2 mol \(\ce{Cu^2+}\) setzen 1 mol \(\ce{I2}\) frei, das 2 mol Thiosulfat verbraucht. Damit entspricht 1 mol Thiosulfat 1 mol \(\ce{CuSO4}\).
Aussage 2
Zur Oxidation von 1 mol Hydrazin zu Stickstoff wird genau 1 mol Bromat benötigt.
Hydrazin gibt 4 Elektronen ab, Bromat nimmt bis zum Bromid 6 auf. Das Verhältnis ist 3 : 2, es werden also 2/3 mol Bromat je mol Hydrazin verbraucht.
Aussage 3
Ein Milliliter Iod-Maßlösung mit 0,05 mol/L entspricht 6,30 mg Natriumsulfit.
Sulfit reagiert 1 : 1 mit Iod: 0,05 mmol · 126,04 g/mol = 6,30 mg.
Aussage 4
Nitrit wird von Permanganat in saurer Lösung im Stoffmengenverhältnis 5 : 2 zu Nitrat oxidiert.
Nitrit gibt 2 Elektronen ab (N: +III → +V), Permanganat nimmt 5 auf. Zehn Elektronen ergeben 5 mol Nitrit je 2 mol \(\ce{MnO4-}\).
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