Mechanik

Laminare Rohrströmung und Hagen-Poiseuille-Gesetz

Wann eine Rohrströmung laminar bleibt, warum ihr Profil eine Parabel ist und wie das Hagen-Poiseuille-Gesetz Volumenströme und Auslaufzeiten im Kapillarviskosimeter liefert.

Prüfungsrelevanz: wichtig ✓ gelesen
Das Wichtigste in Kürze6 Punkte
  • Das Hagen-Poiseuille-Gesetz \(I = \pi r^4 \Delta p/(8\eta l)\) beschreibt den Volumenstrom einer laminaren Strömung einer Newton’schen Flüssigkeit durch ein zylindrisches Rohr.
  • Höhere Druckdifferenz, höhere Geschwindigkeit oder Temperaturerhöhung über sinkende Viskosität können die Strömung turbulent machen. Höhere Viskosität stabilisiert sie.
  • Das laminare Geschwindigkeitsprofil ist eine Parabel: null an der Wand, maximal in der Achse.
  • Bei konstantem Querschnitt fällt der statische Druck durch innere Reibung linear ab. Steigrohrhöhen sinken in gleichen Stufen.
  • Der Volumenstrom ist proportional zu \(r^4\) bzw. \(A^2\), umgekehrt proportional zu \(\eta\) und \(l\) und unabhängig von der Dichte.
  • Im Ostwald-Viskosimeter ist die Auslaufzeit proportional zu \(\eta\) und zu \(1/r^4\).

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Worum es geht

Wie viel Flüssigkeit pro Zeit durch eine Kanüle oder Kapillare fließt, hängt vor allem vom Radius ab, und zwar mit der vierten Potenz. Das Hagen-Poiseuille-Gesetz fasst diesen Zusammenhang in eine Formel. In der Pharmazie steckt es hinter der Wahl der Kanülengröße und hinter der Viskositätsmessung mit dem Kapillarviskosimeter.

Laminar und turbulent

Bei laminarer Strömung gleiten Flüssigkeitsschichten geordnet aneinander vorbei und vermischen sich nicht. Man kann sich das wie ineinandergeschobene Röhren vorstellen, die unterschiedlich schnell nach vorn rutschen. Bei turbulenter Strömung bilden sich Wirbel, und die Schichten durchmischen sich ständig.

A Laminar
  • Schichten bleiben getrennt
  • Parabelprofil
  • Hagen-Poiseuille gilt
B Turbulent
  • Wirbel und Durchmischung
  • flaches Profil
  • Hagen-Poiseuille gilt nicht

Das Gesetz setzt außerdem eine Newton’sche Flüssigkeit in einem zylindrischen Rohr voraus. Ihre Viskosität muss unabhängig von Druckdifferenz und Strömungsgeschwindigkeit sein. Dass sie von der Temperatur abhängt, stört dagegen nicht. Man setzt einfach den Wert bei der Messtemperatur ein.

Eine laminare Strömung kann in Turbulenz umschlagen. Das begünstigt alles, was die Flüssigkeit schneller macht oder ihre innere Reibung senkt:

  • höhere antreibende Druckdifferenz
  • höhere mittlere Strömungsgeschwindigkeit
  • Temperaturerhöhung, weil die Viskosität dabei abnimmt

Eine höhere Viskosität wirkt umgekehrt. Sie dämpft Störungen und hält die Strömung laminar.

Geschwindigkeitsprofil

Die Flüssigkeit haftet an der Rohrwand. Diese Wandhaftung macht die Geschwindigkeit dort null. Jede weiter innen liegende Schicht wird von der äußeren gebremst, aber schwächer. In der Rohrachse ist die Geschwindigkeit deshalb maximal.

Das Geschwindigkeitsprofil gibt an, wie schnell die Flüssigkeit an jedem Ort des Querschnitts fließt. Bei laminarer Strömung einer Newton’schen Flüssigkeit ist es eine Parabel, mit \(x\) als Abstand von der Achse und \(R\) als Rohrradius:

\[v(x) = v_{\mathrm{max}}\left(1 - \frac{x^2}{R^2}\right)\]

Die Geschwindigkeit steigt also nicht linear vom Rand zur Mitte. Sie ist auch nicht über den Querschnitt konstant.

Im Pfeildiagramm erkennt man das laminare Profil an zwei Merkmalen: Die Pfeile an der Wand haben die Länge null, und die Pfeilspitzen liegen auf einer gekrümmten Linie. Ein spitzes Dreieck stünde für einen linearen Anstieg, gleich lange Pfeile für konstante Geschwindigkeit. Das turbulente Profil ist in der Mitte fast flach.

Rohrschnitte mit Geschwindigkeitspfeilen: Parabel, Dreieck, gleich lange Pfeile und flaches turbulentes Profil nebeneinander.

Laminares Parabelprofil im Vergleich: Nur die Parabel hat Geschwindigkeit null an der Wand und einen gekrümmten Verlauf zum Maximum in der Achse.

Druckabfall längs des Rohrs

In einem Rohr mit konstantem Querschnitt bleibt die Geschwindigkeit nach der Kontinuitätsgleichung überall gleich. Trotzdem sinkt der statische Druck in Strömungsrichtung. Grund ist die innere Reibung: Die Viskosität wandelt Strömungsenergie fortlaufend in Wärme um. Diese Energie fehlt stromabwärts als Druck.

Jedes gleich lange Rohrstück verbraucht gleich viel. Der Druck fällt daher linear mit der Rohrlänge. Steigrohre in gleichen Abständen machen das sichtbar. Ihre Füllhöhen sinken zum Auslauf hin in gleichen Stufen, etwa von 24 über 18 und 12 auf 6 cm. Die Verbindungslinie der Spiegel ist eine Gerade, die am offenen Auslauf die Höhe null erreicht.

Schema eines durchströmten Rohrs mit vier Steigrohren, deren Füllhöhen gleichmäßig zum Auslauf abnehmen.

Linearer Druckabfall: Die Füllhöhen in gleich weit entfernten Steigrohren sinken zum Auslauf hin in gleichen Stufen.

Eine Skizze mit gleich hohen Spiegeln beschreibt also keine reale, reibungsbehaftete Strömung. Antrieb der Strömung ist das Druckgefälle \(\Delta p / l\). Der Volumenstrom ist proportional zu diesem Druckabfall je Längeneinheit.

Hagen-Poiseuille-Gesetz

Das Hagen-Poiseuille-Gesetz verbindet Rohrgeometrie, Flüssigkeit und Druckgefälle. Es liefert den Volumenstrom \(I\) einer laminaren Rohrströmung.

🧮 Formelauswendig können

\[I = \frac{\pi r^4}{8\,\eta\,l}\,\Delta p\]

Größe Bedeutung Einheit
\(I\) Volumenstrom m³/s
\(r\) Innenradius des Rohrs m
\(\eta\) dynamische Viskosität Pa·s
\(l\) Rohrlänge m
\(\Delta p\) Druckdifferenz zwischen Anfang und Ende Pa

Mit \(A = \pi r^2\) wird \(r^4 = A^2/\pi^2\). Eingesetzt folgt eine gleichwertige Form:

\[I = \frac{A^2}{8\pi\,\eta\,l}\,\Delta p\]

Der Volumenstrom wächst also mit dem Quadrat der Querschnittsfläche. Der Radius wirkt doppelt: Der Querschnitt wächst mit \(r^2\), und auch die mittlere Geschwindigkeit wächst mit \(r^2\). Im weiten Rohr fließt mehr Flüssigkeit fern der bremsenden Wand.

  • doppelter Radius oder Durchmesser: 16-facher Volumenstrom
  • doppelte Druckdifferenz: doppelter Volumenstrom
  • doppelte Länge: halber Volumenstrom
  • doppelte Viskosität: halber Volumenstrom

Die Dichte kommt in der Formel nicht vor. Warmes Wasser fließt bei sonst gleichen Bedingungen stärker durch eine Leitung als kaltes, weil seine Viskosität kleiner ist.

Eine Kanüle mit 0,5 mm Innendurchmesser liefert 0,5 mL/s. Wie viel liefert eine gleich lange mit 0,6 mm bei gleichem Druck?

  1. Verhältnis bilden: Alle übrigen Größen kürzen sich, also \(I_2/I_1 = (D_2/D_1)^4\).
  2. Einsetzen: \((0{,}6/0{,}5)^4 = 1{,}2^4 \approx 2{,}07\).
  3. Ergebnis: \(I_2 \approx 2{,}07 \cdot 0{,}5\ \mathrm{mL/s} \approx 1{,}04\ \mathrm{mL/s}\).
⚠️ Achtung: Radius oder Durchmesser

Für Verhältnisse darf man Durchmesser einsetzen, weil sich der Faktor 2 kürzt. Für absolute Werte braucht die Formel den Radius in Metern. Mit dem Durchmesser wird das Ergebnis 16-fach zu groß.

Daraus leiten sich Strömungswiderstand und Leitwert ab.

Kapillarviskosimeter

Das Kapillarviskosimeter nutzt das Gesetz zur Viskositätsmessung. Bekanntestes Beispiel ist das Ostwald-Viskosimeter. Gemessen wird die Auslaufzeit, in der der Meniskus von der oberen zur unteren Ringmarke der Messkugel sinkt.

U-förmiges Glasviskosimeter mit Kapillare, Messkugel mit zwei Ringmarken und Vorratskugel.

Ostwald-Viskosimeter: Gemessen wird die Zeit, in der der Meniskus von der oberen zur unteren Marke sinkt.

Die Auslaufzeit ist Volumen durch Volumenstrom, \(t = V/I\). Mit Hagen-Poiseuille folgt:

\[t = \frac{8\,\eta\,l\,V}{\pi r^4\,\Delta p}\]

Bei gleichem Volumen, gleicher Länge und gleicher Druckdifferenz gilt \(t \propto \eta\) und \(t \propto 1/r^4\). Eine 1,5-fach viskosere Flüssigkeit braucht 1,5-mal so lange. Eine Kapillare mit halbem Radius verlängert die Zeit auf das 16-Fache, etwa von 40 s auf 640 s.

Im Ostwald-Viskosimeter treibt der Schweredruck der Flüssigkeit die Strömung an. Bei Flüssigkeiten unterschiedlicher Dichte gilt deshalb \(\eta_1/\eta_2 = \rho_1 t_1/(\rho_2 t_2)\). Man misst relativ zu einer Referenz wie Wasser. Auch das Arzneibuch beschreibt solche Kapillarviskosimeter.

Quiz

Teste dich mit 6 Karten
richtig oder falsch iWarum nur Aussagen? Fragen mit fünf Antworten löst man am sichersten, indem man jede Aussage einzeln bewertet: ✓✓ sicher richtig, ✓ eher richtig, 0 unsicher, ✗ eher falsch, ✗✗ sicher falsch. Mit dem Ausschlussprinzip ergibt sich daraus die Lösung. Dieses einzelne Bewerten ist der wichtigste Handgriff fürs Examen, und genau den übst du hier.

Aussage 1

Verdoppelt man den Kapillarradius eines Viskosimeters, halbiert sich die Auslaufzeit eines gleichen Volumens.

Die Auslaufzeit ist proportional zu \(1/r^4\). Bei doppeltem Radius sinkt sie auf ein Sechzehntel.

Aussage 2

In gleich weit entfernten Steigrohren auf einem durchströmten Rohr konstanten Querschnitts sinken die Füllhöhen zum Auslauf hin in gleichen Stufen.

Innere Reibung lässt den statischen Druck linear mit der Rohrlänge abfallen.

Aussage 3

Zwei Flüssigkeiten gleicher Viskosität, aber unterschiedlicher Dichte fließen bei gleicher Druckdifferenz durch dasselbe Rohr mit verschiedenem Volumenstrom.

Die Dichte kommt im Hagen-Poiseuille-Gesetz nicht vor. Bei gleicher Druckdifferenz ist der Volumenstrom gleich, er hängt von der Viskosität ab.

Aussage 4

Bei laminarer Rohrströmung nimmt die Geschwindigkeit von der Wand zur Rohrachse linear zu.

Das Profil ist parabelförmig: null an der Wand, maximal in der Achse, mit gekrümmtem Verlauf.

Aussage 5

Erwärmt man eine Flüssigkeit, kann ihre zuvor laminare Rohrströmung turbulent werden.

Die Viskosität sinkt mit steigender Temperatur, und geringere innere Reibung begünstigt den Umschlag in Turbulenz.

Aussage 6

Halbiert man den Innendurchmesser einer Kanüle bei sonst gleichen Bedingungen, sinkt der Volumenstrom auf ein Sechzehntel.

Der Volumenstrom ist proportional zur vierten Potenz von Radius oder Durchmesser: \((1/2)^4 = 1/16\).

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