Maximale Unsicherheit bei Summen und Produkten
Wie sich die Unsicherheiten einzelner Messgrößen auf Summen, Differenzen, Produkte und Quotienten übertragen, als Maximalabschätzung und nach Gauß.
Das Wichtigste in Kürze
- Die maximale Unsicherheit einer berechneten Größe beschreibt den ungünstigsten Fall, in dem alle Einzelabweichungen in dieselbe Richtung wirken.
- Bei Summen und Differenzen addieren sich die Beträge der absoluten Unsicherheiten, etwa bei einer Einwaage aus zwei Wägungen.
- Bei Produkten und Quotienten addieren sich die relativen Unsicherheiten, z. B. \(\Delta W/W = \Delta U/U + \Delta I/I + \Delta t/t\).
- Die Gaußsche Fehlerfortpflanzung addiert unabhängige Unsicherheiten quadratisch und liefert nie mehr als die Maximalabschätzung.
- Zwei gleiche Widerstände in Reihe: Nach Gauß sinkt die relative Toleranz um den Faktor \(\sqrt{2}\).
Worum es geht
Viele Ergebnisse misst man nicht direkt, sondern berechnet sie aus mehreren Messwerten. Eine Einwaage etwa ergibt sich aus zwei Wägungen. Wie genau ein solches Ergebnis ist, folgt aus den Unsicherheiten der Einzelwerte.
Zusammengesetzte Größen
Jede Messgröße trägt eine absolute oder relative Unsicherheit. Die maximale Unsicherheit fragt nach dem ungünstigsten Fall: Alle Einzelabweichungen wirken gleichzeitig in dieselbe Richtung. Man addiert deshalb immer Beträge, nie mit Vorzeichen. Welche Unsicherheiten man addiert, hängt von der Rechenart ab.
Summen und Differenzen
Bei Summen und Differenzen addieren sich die Beträge der absoluten Unsicherheiten. Das gilt auch beim Subtrahieren, denn ein zu großer erster und ein zu kleiner zweiter Wert verfälschen die Differenz gemeinsam.
\[\Delta m = |\Delta m_1| + |\Delta m_2|\]
Beispiel Einwaage: Das leere Gefäß wiegt 25,40 g ± 0,02 g, das gefüllte 27,85 g ± 0,02 g. Die Salzmasse beträgt also 2,45 g ± 0,04 g. Die relative Unsicherheit steigt dabei auf rund 1,6 %, weil die Differenz klein ist.
Produkte und Quotienten
Bei Produkten addieren sich die relativen Unsicherheiten. Die Abbildung zeigt den Grund: Sind beide Seiten eines Rechtecks zu groß gemessen, wächst die Fläche um zwei Streifen \(b\,\Delta a\) und \(a\,\Delta b\). Das Eckstück \(\Delta a\,\Delta b\) ist winzig. Teilt man durch \(A = ab\), bleibt die Summe der relativen Unsicherheiten.
\[\frac{\Delta A}{A} = \frac{\Delta a}{a} + \frac{\Delta b}{b}\]
Für ein Quadervolumen kommt der Term \(\Delta c/c\) der dritten Kante hinzu. Quotienten behandelt man genauso. Bei der elektrischen Leistung \(P = U \cdot I\) addiert man \(\Delta U/U\) und \(\Delta I/I\). Die in einem Widerstand umgesetzte Energie ist \(W = U \cdot I \cdot t\), hier zählen drei Terme. Mit 1 % für \(U\), 2 % für \(I\) und 0,5 % für \(t\) ist \(W\) auf 3,5 % unsicher. Die elektrischen Größen selbst erklärt die Seite zur Reihenschaltung.
Plus und Minus: absolute Unsicherheiten addieren. Mal und Geteilt: relative Unsicherheiten addieren.
Gaußsche Fehlerfortpflanzung
Unabhängige Abweichungen gleichen sich teilweise aus. Die Gaußsche Fehlerfortpflanzung berücksichtigt das: Bei einer Summe addiert sie die absoluten Unsicherheiten quadratisch.
\[\Delta R_{ges} = \sqrt{\Delta R_1^2 + \Delta R_2^2}\]
Geometrisch ist die Maximalabschätzung der Weg entlang beider Katheten, Gauß die kürzere Hypotenuse. Das Gaußsche Ergebnis ist daher nie größer.
Beispiel: Zwei Widerstände von je 100 Ω ± 5 % liegen in Reihe. Gesamt sind es 200 Ω. Nach Gauß ist \(\Delta R_{ges} = \sqrt{2} \cdot 5\ \Omega \approx 7{,}1\ \Omega\), also 3,5 %. Die relative Toleranz sinkt um den Faktor \(\sqrt{2}\). Die Maximalabschätzung liefert dagegen 10 Ω und unverändert 5 %. Den statistischen Hintergrund liefert die Normalverteilung.
Quiz
Aussage 1
Wird eine Masse als Differenz zweier Wägungen mit je ± 0,03 g bestimmt, so ist die maximale absolute Unsicherheit der Masse null, weil sich die Unsicherheiten beim Subtrahieren aufheben.
Auch bei Differenzen addieren sich die Beträge der absoluten Unsicherheiten. Die maximale Unsicherheit beträgt hier ± 0,06 g.
Aussage 2
Schaltet man zwei gleiche Widerstände mit unabhängigen Toleranzen in Reihe, verringert sich nach der Gaußschen Fehlerfortpflanzung die relative Toleranz um den Faktor \(\sqrt{2}\).
Die absolute Unsicherheit wächst nur um \(\sqrt{2}\), der Gesamtwiderstand aber um 2. Die relative Toleranz sinkt daher um \(\sqrt{2}\).
Aussage 3
Ist die Spannung auf 2 % und die Stromstärke auf 3 % genau bekannt, beträgt die maximale relative Unsicherheit der Leistung \(P = U \cdot I\) 5 %.
Bei Produkten addieren sich die relativen Unsicherheiten: 2 % + 3 % = 5 %.
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