Lein, fette Öle und Samen
Leinsamen als Schleimdroge mit Sitz und Art seiner Schleimstoffe, die Stammpflanzen offizineller fetter Öle und der Kürbis mit seiner Panzerbeere.
Das Wichtigste in Kürze
- Leinsamen (Lini semen) ist eine Schleimdroge von Linum usitatissimum (Linaceae) und dient als Quellmittel bei Obstipation.
- Die wirksamen Schleimstoffe sind Heteroglykane in der Epidermis der Samenschale, das fette Öl liegt in den Keimblättern.
- Fette Öle sind nicht wasserdampfflüchtige Triglyceridgemische, ätherische Öle flüchtige Terpen- und Phenylpropangemische.
- Rizinusöl stammt aus den Samen von Ricinus communis (Euphorbiaceae), Nachtkerzenöl von Oenothera biennis (Onagraceae).
- Die Nachtkerze hat vier Kronblätter und eine Kreuznarbe, die filzige Königskerze fünf Kronblätter.
- Cucurbita pepo bildet eine Panzerbeere, eine Beere mit verhärtetem Exokarp.
Worum es geht
Viele Arzneipflanzen speichern in ihren Samen zwei pharmazeutisch nutzbare Stoffgruppen: quellende Schleimstoffe und fette Öle. Leinsamen liefert beides und dient als Quellmittel bei Verstopfung. Für die Praxis musst du wissen, wo der Schleim sitzt und welche Pflanze welches offizinelle Öl liefert.
Leinsamen
Der Lein (Linum usitatissimum, Linaceae) ist eine zarte, einjährige Pflanze von 30 bis 100 cm Höhe. Der schlanke Stängel trägt schmale, lanzettliche Blätter. Die fünfzähligen Blüten sind himmelblau. Daraus reifen kugelige Kapseln mit flachen, glänzend braunen Samen. Auf einem Bild erkennst du Lein an dieser Kombination aus schlankem Wuchs, schmalen Blättern und blauen Blüten.
Weil die Frucht eine Kapsel ist, fallen die Samen frei heraus. Ihre Samenschale ist also nicht mit der Fruchtwand verwachsen, anders als bei der Karyopse der Gräser (mehr zu Fruchttypen).
Schleimstoffe sind Polysaccharide, die in Wasser stark quellen und zähe, kolloidale Lösungen oder Gele bilden. Meist sind es Heteroglykane, also Ketten aus mehreren verschiedenen Zuckerbausteinen.
Die Droge Leinsamen (Lini semen) wirkt durch solche Schleimstoffe. Es sind Heteroglykane, vor allem Arabinoxylane und Rhamnogalacturonane. Sie sitzen in der Epidermis der Samenschale (Testa). Deren Zellen haben verdickte, schleimgefüllte Wände, die Schleimepidermis. In Wasser quillt sie auf, und der Samen umgibt sich mit einer glasigen Hülle.
Das Quellen vergrößert das Volumen des Darminhalts. Die gedehnte Darmwand regt die Peristaltik an. Deshalb nimmt man Leinsamen als Quellmittel bei Obstipation immer mit reichlich Flüssigkeit ein.
Im Inneren des Samens liegt etwas anderes. Die Keimblätter speichern fettes Öl und Eiweiß als Reserve für den Keimling. Durch Pressen der Samen gewinnt man Leinöl, kalt gepresst als natives Leinöl. Es ist reich an α-Linolensäure und trocknet an der Luft.
Wird im Examen gerne gefragt: Die wirksamen Schleimstoffe des Leinsamens sind Heteroglykane in der Epidermis der Samenschale. Die Keimblätter enthalten dagegen das fette Öl.
Aus den Stängelfasern des Leins entsteht Flachs für Leinen. Verbandwatte stammt dagegen aus den Samenhaaren der Baumwolle (Gossypium, Malvaceae). Ein offizinelles ätherisches Öl liefert die Gattung Linum nicht.
Offizinelle fette Öle
Fette Öle sind bei Raumtemperatur flüssige Gemische aus Triglyceriden. Pflanzen lagern sie meist in Samen ein. Ihre arzneiliche Verwendung hängt vom Fettsäuremuster ab. Mit ätherischen Ölen haben sie nur den Namen gemein.
- Glycerolester von Fettsäuren
- nicht wasserdampfflüchtig
- Fettfleck auf Papier bleibt
- Gewinnung durch Pressen oder Extraktion
- Gemisch flüchtiger Terpene und Phenylpropane
- wasserdampfflüchtig, stark riechend
- Fleck verdunstet
- Gewinnung durch Wasserdampfdestillation
Die wichtigsten offizinellen fetten Öle und ihre Stammpflanzen zeigt die Tabelle.
| Öl | Stammpflanze | Familie | Typische Fettsäure |
|---|---|---|---|
| Raffiniertes Nachtkerzenöl | Oenothera biennis | Onagraceae | Linolsäure, γ-Linolensäure |
| Borretschöl | Borago officinalis | Boraginaceae | γ-Linolensäure |
| Safloröl | Carthamus tinctorius | Asteraceae | Linolsäure |
| Rizinusöl | Ricinus communis | Euphorbiaceae | Ricinolsäure |
| Leinöl | Linum usitatissimum | Linaceae | α-Linolensäure |
Rizinusöl wird aus den Samen des Wunderbaums gepresst und ist im Arzneibuch monographiert. Ricinus communis gehört zu den Wolfsmilchgewächsen (Euphorbiaceae), nicht zu den Apiaceae. Das Öl wirkt abführend. Das hochgiftige Eiweiß Ricin ist nicht öllöslich und bleibt im Presskuchen zurück.
Die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) ist zweijährig. Im ersten Jahr bildet sie eine Blattrosette, im zweiten einen bis über 1 m hohen Stängel. Ihre großen, hellgelben Blüten öffnen sich am Abend. Sie haben vier Kronblätter und eine kreuzförmige, vierteilige Narbe. Genutzt werden nur die Samen. Eine offizinelle Blattdroge gibt es von der Nachtkerze nicht.
Verwechseln kann man sie mit der Großblütigen Königskerze (Verbascum densiflorum). Auch sie trägt gelbe Blüten an einem hohen Blütenstand. Ihre Blüten liefern die Wollblumen.
Nachtkerze: vier hellgelbe Kronblätter und Kreuznarbe. Königskerze: fünf goldgelbe Kronblätter und dicht filzig-wollige Blätter.
Kürbis
Auch der Gartenkürbis (Cucurbita pepo, Cucurbitaceae) liefert mit seinen Samen eine Droge. Botanisch interessant ist seine Frucht. Sie ist eine Panzerbeere.
Eine Panzerbeere ist eine Beere, deren äußere Fruchtwand (Exokarp) zu einer harten Schale verhärtet. Das Innere bleibt fleischig und umschließt zahlreiche Samen. Man kann sie sich wie eine Beere mit Rüstung vorstellen. Trotz Größe und harter Schale bleibt sie eine Beere, denn die Fruchtwand springt nicht auf und bildet keinen Steinkern um die Samen.
Quiz
Aussage 1
Der Gartenkürbis bildet als Frucht eine Beere mit verhärteter äußerer Fruchtwand.
Cucurbita pepo bildet eine Panzerbeere: fleischiges Inneres, hartes Exokarp.
Aussage 2
Die wirksamen Schleimstoffe des Leinsamens sind in den Keimblättern gespeichert.
Der Schleim sitzt in der Epidermis der Samenschale. Die Keimblätter enthalten fettes Öl und Eiweiß.
Aussage 3
Die quellenden Polysaccharide des Leinsamens sind aus mehreren verschiedenen Zuckerbausteinen aufgebaut.
Es sind Heteroglykane, vor allem Arabinoxylane und Rhamnogalacturonane.
Aussage 4
Raffiniertes Nachtkerzenöl stammt von Oenothera biennis aus der Familie der Onagraceae.
Die Gemeine Nachtkerze ist die Stammpflanze, genutzt werden ihre Samen.
Aussage 5
Die Großblütige Königskerze lässt sich an ihren vierzähligen Blüten mit kreuzförmiger Narbe erkennen.
Vier Kronblätter und Kreuznarbe kennzeichnen die Nachtkerze. Die Königskerze hat fünf Kronblätter und filzig-wollige Blätter.
Aussage 6
Der Wunderbaum, aus dessen Samen Rizinusöl gepresst wird, gehört zu den Apiaceae.
Ricinus communis gehört zu den Euphorbiaceae (Wolfsmilchgewächse).
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