Lamiaceae (Lippenblütler)
Woran man Lippenblütler an Stängel, Blüte, Frucht und Drüsenschuppen erkennt und welche Öl- und Teedrogen sie liefern.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Lamiaceae (Lippenblütler) sind eine Familie der Lamiales mit vierkantigem Stängel, gegenständigen Blättern, Lippenblüten, Klausenfrucht und ätherischem Öl in Drüsenschuppen.
- Die Blätter stehen meist dekussiert: Jedes Paar ist um 90° versetzt, es entstehen vier Blattzeilen.
- Die Lippenblüte ist zygomorph mit verwachsener, fünfzähliger Krone und meist vier didynamen Staubblättern; Salvia und Rosmarinus haben nur zwei fertile Staubblätter.
- Der oberständige Fruchtknoten aus zwei Fruchtblättern ist vierfächrig und zerfällt zur Klausenfrucht mit vier einsamigen Klausen.
- Die Drüsenschuppe hat eine kurze Stielzelle und ein einstöckiges Köpfchen (Pfefferminze 8, Thymian 12 Zellen) unter abgehobener Kutikula; Leitstoffe sind Monoterpene wie Menthol und die Rosmarinsäure.
- Thymi herba stammt von den Zwergsträuchern Thymus vulgaris und Thymus zygis und zeigt Eckzahn- und Kniehaare; Lavendelblüten und Melissenblätter sind Beruhigungstee-Drogen.
Worum es geht
Die Lamiaceae sind eine artenreiche Familie der Lamiales innerhalb der Asteriden. Sie liefern einen großen Teil der Tee- und Öldrogen der Apotheke, von Pfefferminze über Thymian bis Melisse. Wer Stängel, Blüte und Frucht deuten kann, erkennt die Familie auch auf einem Foto sicher.
Einordnung und Erkennungsmerkmale
Lippenblütler sind meist Kräuter, Halb- oder Zwergsträucher und fast immer aromatisch. Ihr Bauplan ist so einheitlich, dass wenige Merkmale für die Bestimmung reichen.
| Merkmal | Ausprägung |
|---|---|
| Systematik | Asteriden, Ordnung Lamiales, Familie Lamiaceae (Labiatae) |
| Wuchsform | Kräuter, Halb- und Zwergsträucher, selten Sträucher wie Vitex, Stängel vierkantig |
| Blätter | einfach, gegenständig, meist kreuzgegenständig (dekussiert), ohne Nebenblätter |
| Blüte | zygomorph, meist zweilippig, Krone verwachsen, meist 4 didyname Staubblätter |
| Blütenformel | \(\downarrow K_{(5)}\ [C_{(5)}\ A_{4}]\ \underline{G}_{(2)}\) |
| Frucht | Klausenfrucht, zerfällt in 4 einsamige Klausen |
| typische Inhaltsstoffe | ätherisches Öl in Drüsenschuppen (Menthol, Thymol), Rosmarinsäure |
| wichtige Arzneipflanzen | Pfefferminze, Thymian, Salbei, Melisse, Lavendel, Rosmarin, Orthosiphon, Mönchspfeffer |
Schon der Stängel verrät die Familie. Er ist vierkantig: Rollt man ihn zwischen den Fingern, spürt man vier deutliche Kanten. In den Kanten liegt Kollenchym, das den krautigen Spross festigt. Die Blätter stehen gegenständig, also zu zweit an einem Knoten. Wechselständige Blätter kommen bei Lamiaceen praktisch nicht vor.
Meist ist die Blattstellung dekussiert (kreuzgegenständig). Jedes Blattpaar ist gegenüber dem darunterliegenden um 90° gedreht. Von oben gesehen entstehen so vier Blattzeilen. Pfefferminze, Melisse und Rosmarin zeigen das deutlich.
Erkennen auf Fotos
Auf einer Abbildung prüfst du die Merkmale in fester Reihenfolge. Zuerst die Kanten am Stängel, dann die gegenständigen Blattpaare, dann die Lippenblüten. Diese stehen in Scheinquirlen in den Blattachseln oder in endständigen Scheinähren. Ist die Familie gesichert, unterscheidet man die Gattungen an Wuchs und Blatt.
| Pflanze | Wuchs | Blätter | Blüte |
|---|---|---|---|
| Thymian (Thymus vulgaris) | Zwergstrauch, verholzt | sehr klein, schmal, Rand eingerollt | klein, blassrosa bis lila, in kurzen Scheinähren |
| Rosmarin (Rosmarinus officinalis) | immergrüner Strauch | nadelförmig, ledrig, unterseits weißfilzig | hellblau, zwei Staubblätter |
| Lavendel (Lavandula angustifolia) | Halbstrauch | schmal-linealisch, graufilzig | blauviolett, Scheinähren an langen blattlosen Stielen |
| Salbei (Salvia officinalis) | Halbstrauch | groß, graugrün, filzig, runzelig | violett, groß, zwei Hebel-Staubblätter |
| Melisse (Melissa officinalis) | Staude | eiförmig, gekerbt, hellgrün, Zitronenduft | klein, weißlich, in den Blattachseln |
| Orthosiphon (Orthosiphon stamineus) | tropischer Halbstrauch | eiförmig, grob gezähnt | weiß bis lila, weit herausragende Staubblätter (Katzenbart) |
Lamiaceen auf Abbildungen zu erkennen ist ein Examensklassiker. Achte auf die Kombination aus vierkantigem Stängel, gegenständigen Blättern und Lippenblüte, und grenze Thymian als kleinblättrigen Zwergstrauch von Rosmarin mit Nadelblättern und Lavendel mit langgestielten Ähren ab. Zur erkannten Pflanze gehören Klausenfrucht und ätherisches Öl.
Blüte und Frucht
Die Lippenblüte gibt der Familie ihren deutschen Namen. Fünf Kronblätter sind zu einer Röhre verwachsen, die sich in zwei Lippen öffnet. Die Oberlippe entsteht meist aus zwei, die Unterlippe aus drei Kronzipfeln. Auch der Kelch ist fünfzählig und verwachsen.
Die Blüte ist damit zygomorph (dorsiventral): Nur eine Symmetrieebene teilt sie in Spiegelhälften. Die Unterlippe dient Bienen und Hummeln als Landeplatz. Zweilippig ist die Regel, aber nicht jede Gattung zeigt es deutlich. Die Minze etwa hat eine fast radiäre, vierzipflige Krone. Anders als die Doppeldolde der Apiaceae stehen die Blüten in Scheinquirlen übereinander.
Unter der Oberlippe liegen meist vier Staubblätter. Ihre Filamente sind mit der Kronröhre verwachsen.
Didynam heißt ein Androeceum aus vier Staubblättern, von denen zwei lang und zwei kurz sind. Anders als tetradynamisch bei den Brassicaceae mit vier langen und zwei kurzen Staubblättern.
Salvia und Rosmarinus weichen ab. Sie haben nur zwei fertile Staubblätter. Beim Salbei ist das Konnektiv zu einem Hebel verlängert. Drückt eine Hummel gegen den unteren Hebelarm, schlägt die Anthere auf ihren Rücken und pudert sie ein.
Der Fruchtknoten ist oberständig und aus zwei verwachsenen Fruchtblättern gebildet. Eine falsche Scheidewand teilt jedes Fach noch einmal. So entstehen vier Fächer mit je einer Samenanlage. Der Griffel entspringt am Grund zwischen den vier Höckern (gynobasisch).
Bei der Reife zerfällt die Frucht in vier einsamige Teilfrüchte, die Klausen. Die Klausenfrucht ist also eine Bruchfrucht und springt nicht wie eine Kapsel auf. Die vier Nüsschen liegen im bleibenden Kelch, etwa bei Taubnessel (Lamium album), Melisse, Rosmarin, Ackerminze (Mentha arvensis) und Griechischem Salbei (Salvia triloba). Die Klausenfrucht wird im Examen gerne gefragt: zwei Fruchtblätter, aber vier Klausen.
Lamiaceen zählen bis vier: vier Kanten am Stängel, vier Blattzeilen, vier Staubblätter, vier Klausen.
Inhaltsstoffe
Fast alle Arzneipflanzen der Familie nutzt man wegen ihres ätherischen Öls. Es steckt vor allem in den Blättern. Lamiaceen sind Stammpflanzen offizineller Öle wie Pfefferminz-, Lavendel- und Rosmarinöl. Gespeichert wird das Öl außen auf dem Blatt, in Drüsenschuppen.
Die Lamiaceen-Drüsenschuppe
Die Drüsenschuppe der Lamiaceen ist taxonspezifisch. Auf einer Basalzelle sitzt eine kurze Stielzelle, darauf ein einstöckiges Köpfchen aus etwa acht sezernierenden Zellen. Das Öl sammelt sich unter der blasig abgehobenen Kutikula. In Aufsicht wirkt die Schuppe wie eine glänzende Rosette. Die Pfefferminze hat 8, der Thymian 12 sezernierende Zellen.
Das Drüsenhaar der Asteraceae ist etagiert und besteht aus drei bis fünf Stockwerken mit je zwei Zellen. Pfefferminze, Salbei und Thymian haben dagegen einstöckige Köpfchen.
Monoterpene
Das Öl besteht überwiegend aus Monoterpenen mit zehn C-Atomen. Viele besitzen das p-Menthan-Gerüst: einen Sechsring mit Methylgruppe und gegenüberliegender Isopropylgruppe. Menthol aus der Pfefferminze ist ein monocyclischer Monoterpenalkohol mit diesem Gerüst. Thymol und Carvacrol aus dem Thymian sind seine aromatischen Phenol-Verwandten.
Rosmarinsäure
Die zweite Leitstoffgruppe sind Kaffeesäureester, die Lamiaceen-Gerbstoffe. Ihr Hauptvertreter ist die Rosmarinsäure, ein Ester aus Kaffeesäure und 3,4-Dihydroxyphenylmilchsäure. Sie besteht aus zwei C6-C3-Bausteinen und ist damit ein Phenylpropanoid, kein Terpen. Melisse, Pfefferminze, Rosmarin und Thymian enthalten sie. Ihre Blätter wirken dadurch schwach adstringierend.
Eine Strukturformel ordnest du in zwei Schritten zu. Zuerst bestimmst du die Stoffklasse: Zehn C-Atome mit p-Menthan-Gerüst sprechen für ein Monoterpen, zwei esterverknüpfte C6-C3-Einheiten mit Brenzcatechin-Ringen für Rosmarinsäure. Dann folgt die Familie, beide weisen auf die Lamiaceae. Anthranoide führen dagegen zum Rhabarber der Polygonaceae, in dessen Wurzel Menthol und Thymol keine Rolle spielen.
Arzneipflanzen und Drogen
Zur Familie gehören Mentha, Thymus samt Quendel (Thymus serpyllum), Salvia, Melissa, Lavandula, Rosmarinus, Orthosiphon, die Taubnessel (Lamium) und das Herzgespann (Leonurus). Seit der molekularen Neuordnung zählt auch Vitex dazu.
| Pflanze | Droge | Leitstoffe | Wirkung oder Verwendung |
|---|---|---|---|
| Pfefferminze, Mentha × piperita | Menthae piperitae folium | Menthol, Menthon, Rosmarinsäure | krampflösend bei Verdauungsbeschwerden |
| Thymian, Thymus vulgaris, Thymus zygis | Thymi herba | Thymol, Carvacrol, Rosmarinsäure | Expektorans bei Husten |
| Salbei, Salvia officinalis | Salviae officinalis folium | Thujon, 1,8-Cineol, Campher | Entzündungen in Mund und Rachen, Schwitzen |
| Melisse, Melissa officinalis | Melissae folium | Citral, Citronellal, Rosmarinsäure | Beruhigungstee, Einschlafstörungen |
| Lavendel, Lavandula angustifolia | Lavandulae flos | Linalylacetat, Linalool | Beruhigungstee, Unruhe |
| Rosmarin, Rosmarinus officinalis | Rosmarini folium | 1,8-Cineol, Campher, Rosmarinsäure | Verdauungsbeschwerden, äußerlich durchblutungsfördernd |
| Orthosiphon, Orthosiphon stamineus | Orthosiphonis folium | Flavonoide, Kaliumsalze, Rosmarinsäure | Durchspülung der Harnwege |
| Mönchspfeffer, Vitex agnus-castus | Agni casti fructus | Iridoide, Flavonoide, Diterpene | gynäkologische Beschwerden |
Pfefferminze
Mentha × piperita ist ein Artbastard aus Wasserminze und Grüner Minze. Der Bastard ist steril und vermehrt sich nicht über Samen. Einen Wildbestand gibt es deshalb nicht. Die Kulturpflanze wird vegetativ über Ausläufer vermehrt.
Die Blätter sind eiförmig bis lanzettlich, gesägt und haben eine oft violett überlaufene Nervatur. Die Unterseite ist braun punktiert, das sind die Drüsenschuppen. Dazu tragen sie mehrzellige Gliederhaare.
Köhler’s Medizinal-Pflanzen · hrsg. von Franz Eugen Köhler · gemeinfrei
Thymian
Offizinell ist das Kraut, Thymi herba, von Thymus vulgaris und Thymus zygis. Beide Stammpflanzen sind Zwergsträucher mit verholztem Grund und keine krautigen Pflanzen. Eine Rindendroge liefert die Gattung nicht. Mikroskopisch erkennt man Thymian an Eckzahnhaaren auf der Blattoberseite und an Kniehaaren mit abgewinkelter Endzelle. Pfefferminz- und Salbeiblättern fehlen diese Haartypen. Nach der Monographie des HMPC dient Thymian innerlich als Expektorans.
Salbei, Melisse und Orthosiphon
Blattdrogen bestimmt man an einer Kombination makroskopischer und mikroskopischer Merkmale, nie an einem allein. Salbeiblätter sind dicht behaart, graugrün, runzelig und fein gekerbt. Melissenblätter sind dünn, eiförmig, grob gekerbt und riechen nach Zitrone. Orthosiphonblätter sind eiförmig mit grob gezähntem Rand. Lamiaceen-Drüsenschuppen bestätigen unter dem Mikroskop die Familie.
Lavendelblüten und Melissenblätter sind wirksame Bestandteile von Beruhigungstees. Rosmarinblätter gehören nicht dazu, denn sie wirken eher anregend.
Mönchspfeffer
Vitex agnus-castus stand früher bei den Verbenaceae und gehört heute zu den Lamiaceae. Der sommergrüne Strauch wird etwa 4 bis 5 m hoch. Typisch sind gegenständige, fingerförmig gefingerte Blätter und lange Rispen kleiner lila Lippenblüten. Abweichend von der Familie bildet er pfefferkornartige Steinfrüchte, daher der Name. Extrakte aus Agni casti fructus setzt man bei gynäkologischen Beschwerden ein, etwa beim prämenstruellen Syndrom.
Auf Fotos erinnern die gefingerten Blätter an Hanf (Cannabis sativa). Hanf ist aber ein einjähriges Kraut und kein Strauch. Salbei unterscheidet sich durch ungeteilte Blätter. Die Spierstaude aus den Rosaceae hat gefiederte Blätter und cremeweiße Blütenstände.
Quiz
Aussage 1
Salbei und Rosmarin haben in ihren Blüten nur zwei fertile Staubblätter.
Sie weichen von den sonst vier didynamen Staubblättern der Familie ab. Beim Salbei bilden sie einen Hebelmechanismus.
Aussage 2
Die Stammpflanzen der Arzneibuchdroge Thymian sind krautige Pflanzen.
Thymus vulgaris und Thymus zygis sind Zwergsträucher mit verholztem Grund.
Aussage 3
Die Pfefferminze ist ein steriler Artbastard, der vegetativ vermehrt wird.
Mentha × piperita bildet keine keimfähigen Samen, hat keinen Wildbestand und wird über Ausläufer vermehrt.
Aussage 4
Die Frucht der Lamiaceae geht aus zwei Fruchtblättern hervor und zerfällt in vier einsamige Klausen.
Der Fruchtknoten aus zwei Karpellen wird durch falsche Scheidewände vierfächrig, die Bruchfrucht zerfällt in vier Klausen.
Aussage 5
Lamiaceae besitzen einen vierkantigen Stängel mit meist kreuzgegenständigen Blattpaaren.
Vierkantiger Stängel und dekussierte Blattstellung sind die ersten Erkennungsmerkmale der Familie.
Aussage 6
Rosmarinsäure ist ein Monoterpenalkohol mit p-Menthan-Gerüst.
Das trifft auf Menthol zu. Rosmarinsäure ist ein Kaffeesäureester aus zwei C6-C3-Bausteinen, ein Lamiaceen-Gerbstoff.
Aussage 7
Ein Strauch mit nadelförmigen, unterseits weißfilzigen Blättern und hellblauen Lippenblüten ist typisch für Lavendel.
Diese Merkmale kennzeichnen Rosmarin. Lavendel hat schmale graufilzige Blätter und blauviolette Scheinähren an langen blattlosen Stielen.
Aussage 8
Das Köpfchen der Lamiaceen-Drüsenschuppe ist etagiert und besteht aus mehreren Stockwerken mit je zwei Zellen.
Etagiert ist das Drüsenhaar der Asteraceae. Die Lamiaceen-Drüsenschuppe hat ein einstöckiges Köpfchen aus etwa acht Zellen.
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