Lymphgefäßsystem und Lymphe
Wie Lymphgefäße blind im Gewebe beginnen, wie sie gebaut sind, wohin sie münden und was die Lymphe enthält.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Lymphgefäßsystem ist ein Einbahnsystem, das blind im Gewebe mit Lymphkapillaren beginnt und interstitielle Flüssigkeit ins venöse Blut zurückführt.
- Lymphkapillaren nehmen Flüssigkeit, Proteine, Partikel und Zellen auf und halten so den hydrostatischen Druck im Interstitium gering; sie führen aber nur einen Teil der filtrierten Flüssigkeit ab.
- Große Lymphgefäße besitzen Endothel, glatte Muskulatur und Klappen und ähneln damit großen Venen; Klappen, Wandkontraktionen und Skelettmuskulatur treiben den Lymphfluss an.
- Der Ductus thoracicus drainiert etwa drei Viertel des Körpers und mündet herznah in den linken Venenwinkel, also ins venöse System.
- Lymphe ist gerinnbar, enthält deutlich weniger Plasmaproteine als Blut sowie Lymphozyten und nach Lymphknotenpassage Immunglobuline und Makrophagen.
- Resorbierte Fette verlassen den Darm als Chylomikronen über die Lymphe und umgehen die Leber; sie färben den Chylus milchig weiß.
Worum es geht
Neben Arterien und Venen besitzt der Körper ein drittes Gefäßsystem: das Lymphgefäßsystem. Es sammelt Flüssigkeit aus dem Gewebe und leitet sie ins venöse Blut zurück. Für die Pharmazie zählt das doppelt: Ödeme entstehen, wenn dieser Abfluss versagt, und Nahrungsfette erreichen den Körper über die Lymphe, unter Umgehung der Leber.
Lymphkapillaren und Drainage
Am Kapillarbett des Blutkreislaufs tritt laufend Flüssigkeit ins Interstitium aus. Den größten Teil nehmen die Blutkapillaren wieder auf. Wie Filtration und Reabsorption im Einzelnen gesteuert werden, erklärt die Einheit zum Kapillaraustausch. Hier zählt nur: Ein kleiner Rest, beim Menschen etwa 2 L pro Tag, bleibt zurück. Diesen Rest übernimmt das Lymphsystem.
Dünnwandiges Gefäß, das blind im Gewebe beginnt und interstitielle Flüssigkeit aufnimmt. Es ist der Anfang des Lymphgefäßsystems und hat keine Verbindung zu Blutgefäßen.
Die Wand der Lymphkapillare besteht aus einem einschichtigen Endothel. Die Endothelzellen überlappen sich dachziegelartig und sind über Ankerfilamente mit dem umgebenden Bindegewebe verbunden. Steigt der Gewebedruck, ziehen die Filamente die Zellränder auseinander. Die Ränder klappen nach innen auf wie kleine Schwingtüren. Flüssigkeit strömt ein, kann aber kaum zurück.
Durch diese weiten Spalten gelangt mehr als nur Wasser in die Kapillare. Die Lymphkapillaren nehmen Proteine aus dem Interstitium auf, die zu groß für die Blutkapillaren sind. Auch Partikel und Zellen werden mitgenommen, etwa Immunzellen oder Erreger. Aus einem Zellverband abgelöste Gewebezellen können so ebenfalls verschleppt werden. Deshalb streuen viele Tumoren zuerst in die Lymphknoten.
Die Drainage hat eine klare Funktion. Sie hält den hydrostatischen Druck im Interstitium gering und verhindert, dass sich Gewebeflüssigkeit staut. Fällt der Abfluss aus, entsteht ein Lymphödem. Wichtig ist die Größenordnung: Die Lymphe transportiert nur einen Teil der filtrierten Flüssigkeit ab. Der weitaus größere Anteil kehrt direkt in die Blutkapillaren zurück.
Bau und Lymphfluss
Aus den Lymphkapillaren werden Präkollektoren und dann größere Lymphgefäße. Mit zunehmender Größe wird auch die Wand komplexer. Alle Lymphgefäße sind innen mit Endothel ausgekleidet. Größere Gefäße besitzen zusätzlich Klappen und glatte Muskelzellen. Die Wand wird also von Endothel, Bindegewebe und Muskulatur gebildet, anders als der Name vermuten lässt nicht von Lymphozyten.
Im Wandaufbau ähneln große Lymphgefäße deshalb großen Venen. Mit Arterien haben sie wenig gemein, denn ihnen fehlt die kräftige Muskelschicht eines Hochdrucksystems. Die Wandschichten der Blutgefäße im Detail behandelt die Einheit Wandbau der Blutgefäße.
Endothel, dünne glatte Muskulatur, viele Klappen, niedriger Druck
Endothel, dünne glatte Muskulatur, Klappen, niedriger Druck
Endothel, ausgeprägte Muskelschicht, keine Klappen, hoher Druck
Ein Herz als Pumpe hat das Lymphsystem nicht. Der Fluss entsteht durch mehrere Mechanismen zugleich:
- Klappen legen die Fließrichtung fest und verhindern Rückfluss, wie in den Venen.
- Die glatte Muskulatur der Gefäßwand kontrahiert rhythmisch und schiebt die Lymphe von Abschnitt zu Abschnitt.
- Bewegungen umgebender Strukturen drücken die Gefäße zusammen, vor allem die Skelettmuskulatur, aber auch Atmung und Arterienpuls.
In den Verlauf der Lymphgefäße sind Lymphknoten eingeschaltet. Das sind makroskopisch sichtbare, bohnenförmige Filterstationen. Zuführende Lymphgefäße münden in einen Knoten, abführende verlassen ihn und ziehen zum nächsten. So sind die Lymphknoten über Lymphgefäße zu Ketten verbunden. Ein Lymphgefäß innerhalb eines Organs ist dagegen kein Lymphknoten, sondern einfach ein Organlymphgefäß. Bau und Immunfunktion der Knoten behandelt die Einheit Lymphatische Organe.
Mündung ins Venensystem
Das Lymphsystem ist ein offenes Einbahnsystem. Es beginnt im Gewebe und hat keinen Ursprung im Blutkreislauf. Lymphgefäße entspringen also weder aus Arterien noch aus Blutkapillaren und auch nicht aus dem venösen Strombett. Ihr Anfang ist allein das blinde Ende der Lymphkapillare.
Auf dem Weg zum Herzen vereinigen sich die Gefäße zu großen Lymphstämmen (Ductus lymphatici). Aus den unteren Körperhälften kommen die Lendenstämme, aus dem Darm der Truncus intestinalis. Sie fließen im Bauchraum in einer Erweiterung zusammen, der Cisterna chyli.
Das größte Lymphgefäß des Körpers. Es steigt von der Cisterna chyli durch den Brustkorb auf und mündet in den linken Venenwinkel, wo V. jugularis interna und V. subclavia zusammenfließen.
Der Ductus thoracicus sammelt die Lymphe beider Beine, des Bauchraums und der linken oberen Körperhälfte. Das sind etwa drei Viertel des Körpers. Den Rest, also rechten Arm, rechte Kopf- und Halsseite und rechten Brustkorb, drainiert der kürzere Ductus lymphaticus dexter. Er mündet in den rechten Venenwinkel.
Beide Mündungen liegen also herznah im venösen System. Dort ist der Druck niedrig, sodass die Lymphe ohne Gegendruck einfließen kann. Über die obere Hohlvene erreicht sie dann den rechten Vorhof. Die Lage der herznahen Gefäße beschreibt die Einheit Großer und kleiner Kreislauf.
Wird im Examen gerne gefragt: Alle Lymphgefäße münden ins venöse System, der Ductus thoracicus herznah in den linken Venenwinkel und niemals in die Aorta oder ein anderes arterielles Gefäß. Achte ebenso darauf, dass Lymphgefäße nicht aus Blutgefäßen entspringen.
Zusammensetzung der Lymphe
Die Lymphe ist die Flüssigkeit in den Lymphgefäßen. Sie entspricht anfangs der interstitiellen Flüssigkeit und ändert sich auf dem Weg durch Lymphknoten und Organe. Ihr Gehalt an Plasmaproteinen ist deutlich niedriger als der des Blutes, schwankt aber je nach Herkunftsorgan.
Da die Lymphe auch Fibrinogen und Gerinnungsfaktoren führt, ist sie gerinnbar. An Zellen enthält sie vor allem Lymphozyten und daneben andere Leukozyten. Lymphozyten werden mit der Lymphe zwischen Gewebe, Lymphknoten und Blut transportiert. Nach der Passage eines Lymphknotens finden sich zusätzlich Immunglobuline und Makrophagen. Erythrozyten enthält normale Lymphe dagegen kaum. Die Wand der Lymphgefäße wird auch nicht über Erythrozyten in der Lymphe mit Sauerstoff versorgt.
Eine Besonderheit ist die Lymphe des Darms. Die Enterozyten verpacken resorbierte Fette zu Chylomikronen. Diese Lipoproteinpartikel sind zu groß für die Blutkapillaren der Darmzotte. Sie gelangen deshalb in das zentrale Lymphgefäß der Zotte, das Chylusgefäß. Den Aufbau der Lipoproteine erklärt die Einheit zu Blutplasma und Serum.
Damit hat der Darm zwei getrennte Abflusswege. Monosaccharide, Aminosäuren und mittelkettige Fettsäuren gehen ins Blut und über die Pfortader zuerst zur Leber. Die Chylomikronen nehmen den Lymphweg über Cisterna chyli und Ductus thoracicus. Sie erreichen den Körperkreislauf, ohne vorher die Leber zu passieren.
Nach einer fettreichen Mahlzeit ist die Darmlymphe deshalb reich an Chylomikronen. Sie sieht dann milchig weiß aus und heißt Chylus. Der Lipidgehalt der Lymphe ist also variabel: Er hängt von der Region und vom Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme ab.
Die milchig weiße Farbe der Lymphe im Ductus thoracicus stammt von den Chylomikronen, die das Licht streuen. Eine hohe Lymphozytendichte ist nicht die Ursache.
Quiz
Aussage 1
Der Ductus thoracicus mündet in den Aortenbogen.
Er mündet herznah in den linken Venenwinkel, also ins venöse System. Lymphgefäße münden nie in Arterien.
Aussage 2
Die gesamte ins Interstitium filtrierte Flüssigkeit wird über die Lymphgefäße ins Blut zurückgeführt.
Nur ein Teil, etwa 2 L pro Tag, nimmt den Lymphweg. Der größte Anteil kehrt direkt in die Blutkapillaren zurück.
Aussage 3
Lymphkapillaren beginnen blind im Gewebe und können auch Proteine aus dem Interstitium aufnehmen.
Lymphkapillaren haben kein vorgeschaltetes Gefäß. Über die überlappenden Endothelränder gelangen auch Proteine, Partikel und Zellen hinein.
Aussage 4
Große Lymphgefäße ähneln im Wandaufbau großen Arterien, weil sie eine kräftige Muskelschicht besitzen.
Große Lymphgefäße ähneln großen Venen: Endothel, dünne glatte Muskulatur und Klappen bei niedrigem Druck.
Aussage 5
Die Kontraktion der umgebenden Skelettmuskulatur fördert den Lymphfluss, die Klappen geben dabei die Richtung vor.
Wie bei den Venen drückt Muskelbewegung die Gefäße zusammen, und die Klappen verhindern den Rückfluss.
Aussage 6
Lymphe ist gerinnbar und enthält deutlich weniger Plasmaproteine als Blut.
Lymphe führt Fibrinogen und Gerinnungsfaktoren, ihr Proteingehalt liegt aber klar unter dem des Blutes.
Aussage 7
Chylomikronen aus den Enterozyten gelangen über die Pfortader zuerst zur Leber.
Chylomikronen nehmen den Lymphweg über Chylusgefäß, Cisterna chyli und Ductus thoracicus und umgehen so die Leber.
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