Blütenformeln und Blütendiagramme deuten
Wie man aus Blütenformeln und Blütendiagrammen Symmetrie, Blütenhülle, Staubblätter und Fruchtknoten abliest und so Pflanzenfamilien zuordnet.
Das Wichtigste in Kürze
- Eine Blütenformel fasst Symmetrie, Blütenhülle, Zähligkeit, Androeceum und Gynoeceum in Zeichen zusammen, ein Blütendiagramm zeigt dieselben Organe als Grundriss in ihrer Lage zueinander.
- \(*\) bedeutet radiär, \(\downarrow\) zygomorph; runde Klammern zeigen Verwachsung, eckige Klammern die Verwachsung verschiedener Organe wie Krone und Staubblätter.
- Ein Strich unter der Zahl beim G bedeutet oberständig, ein Strich darüber unterständig.
- \(* P3+3\ A3+3\ G(\underline{3})\) beschreibt eine radiäre, durchgehend dreizählige Blüte mit Perigon und ist typisch monokotyl.
- Im Blütendiagramm liegt die Abstammungsachse oben, das Tragblatt unten; zugeordnet wird über Kreiszahl, Staubblattstellung und Plazentation.
- Obdiplostemon heißt: Der äußere Staubblattkreis steht vor den Kronblättern, etwa bei den Caryophyllaceae.
Worum es geht
Blütenformeln und Blütendiagramme fassen den Bau einer Blüte in wenigen Zeichen oder in einem Grundriss zusammen. Wer sie lesen kann, erkennt Familien wie Solanaceae oder Lamiaceae auf einen Blick. Das hilft beim Einordnen von Arzneipflanzen und ihren Drogen.
Blütenformeln lesen
Eine Blütenformel listet die Blütenorgane von außen nach innen auf. Beim Deuten gehst du immer in derselben Reihenfolge vor. So übersiehst du kein Merkmal.
- Symmetrie: \(*\) steht für radiär. \(\downarrow\) steht für zygomorph, also nur eine Symmetrieebene.
- Blütenhülle: K (Kelch) und C (Krone) zeigen eine doppelte Hülle. P steht für ein Perigon aus gleich gestalteten Tepalen.
- Zähligkeit: Die Zahl nennt die Glieder je Kreis. 3+3 bedeutet zwei dreizählige Kreise.
- Androeceum: A5+5 heißt zwei Staubblattkreise. A5+0 heißt, dass der innere Kreis fehlt. \(A\infty\) steht für viele Staubblätter.
- Gynoeceum: Die Zahl bei G nennt die Fruchtblätter. Eine runde Klammer zeigt ihre Verwachsung, ein Strich die Stellung des Fruchtknotens.
Der Strich steht für den Blütenboden. Liegt er unter der Zahl, sitzt der Fruchtknoten darüber und ist oberständig. Liegt er über der Zahl, ist der Fruchtknoten unterständig.
Runde Klammern gelten bei jedem Organ: K(5) ist ein verwachsener Kelch, C(5) eine verwachsene Krone. Eine eckige Klammer verbindet verschiedene Organe miteinander, meist Krone und Staubblätter. Die Solanaceae zeigen das gut: \(* K(5)\ [C(5)\ A5]\ G(\underline{2})\). Die Blüte ist radiär, Kelch und Krone sind verwachsen. Die fünf Staubblätter sitzen an der Kronröhre, zwei verwachsene Fruchtblätter bilden einen oberständigen Fruchtknoten.
Typische Formeln
Wenige Zeichen tragen viele Merkmale. Die folgenden Formeln solltest du ohne Zögern übersetzen können.
| Formel | Abzulesende Merkmale |
|---|---|
| \(* K5\ C5\ A5+5\ G(\underline{5})\) | radiär, fünfzählig, Kelch und Krone frei, zwei Staubblattkreise, oberständiger Fruchtknoten aus fünf verwachsenen Fruchtblättern |
| \(* P3+3\ A3+3\ G(\underline{3})\) | radiär, zwei dreizählige Perigonkreise, zwei dreizählige Staubblattkreise, drei verwachsene Fruchtblätter, oberständig |
| \(* P(3+3)\ A3+3\ G(\underline{3})\) | wie darüber, aber sechs verwachsene Perigonblätter |
| \(\downarrow K(5)\ C(5)\ A4\ G(\underline{2})\) | zygomorph, Kelch und Krone verwachsen, vier Staubblätter, zwei verwachsene Fruchtblätter, oberständig |
| \(* K5\ C(5)\ A5+0\ G(\underline{5})\) | Kelch frei, Krone verwachsen, nur ein Staubblattkreis, fünf verwachsene Fruchtblätter, oberständig |
Die Dreizahl in allen Kreisen verrät die Monokotylen. Eudikotyle Blüten sind meist vier- oder fünfzählig. Anders als K und C trennt P nicht in Kelch und Krone, denn die Tepalen sehen gleich aus. Eine Grenze hat jede Formel: Ob der äußere Staubblattkreis vor den Kelch- oder vor den Kronblättern steht, zeigt A5+5 nicht.
Familien zuordnen
Für einige Familien lohnt es sich, die Formel als Ganzes wiederzuerkennen. Einzelheiten stehen auf den Familienseiten.
| Familie | Formel | Leitmerkmal |
|---|---|---|
| Solanaceae | \(* K(5)\ [C(5)\ A5]\ G(\underline{2})\) | radiär, Staubblätter an der Kronröhre |
| Lamiaceae | \(\downarrow K(5)\ [C(5)\ A4]\ G(\underline{2})\) | Lippenblüte, vier Staubblätter |
| Fabaceae | \(\downarrow K(5)\ C5\ A(5+4)+1\ G\underline{1}\) | Schmetterlingsblüte, nur ein Fruchtblatt |
| Rosaceae | \(* K5\ C5\ A\infty\ G1-\infty\) | viele Staubblätter, Fruchtknotenstellung wechselnd |
Formeln deuten und einer Familie zuordnen ist ein Examensklassiker. Achte zuerst auf Klammer und Strich beim G, denn sie entscheiden über Verwachsung und Stellung des Fruchtknotens. Die Dreizahl in \(P3+3\ A3+3\) verweist auf Monokotyle.
Blütendiagramme
Die Formel zählt die Organe, verrät aber nicht, wo sie zueinander stehen. Diese Lücke füllt das Blütendiagramm.
Ein Blütendiagramm ist ein schematischer Grundriss der Blüte. Es projiziert alle Blütenorgane im Querschnitt auf eine Ebene und zeigt Zahl, Kreise und Lage zueinander.
Man kann es sich wie den Blick von oben in eine aufgeschnittene Blüte vorstellen. Oben liegt die Abstammungsachse als Punkt, unten das Tragblatt, seitlich oft zwei Vorblätter. Außen folgt der Kelch, dann die Krone. Staubblätter erscheinen als Antherenquerschnitte. In der Mitte liegt der Fruchtknoten im Querschnitt, und dort sieht man die Plazentation. Verwachsene Organe sind durch Linien verbunden.
Stellung der Staubblätter
Bei zwei Staubblattkreisen zeigt erst das Diagramm, welcher Kreis außen vor welchem Organ steht.
Der äußere Staubblattkreis steht vor den Kelchblättern. Er wechselt also mit den Kronblättern ab, wie es die Regel der Alternanz erwartet.
Der äußere Staubblattkreis steht vor den Kronblättern. Typisch ist das etwa für die Caryophyllaceae.
Diagramm einer Familie zuordnen
Drei Fragen führen zur Familie: Wie viele Glieder hat jeder Kreis? Wie stehen die Staubblätter? Welche Plazentation zeigt der Fruchtknoten? Die drei folgenden Grundrisse unterscheiden sich in allen drei Punkten.
| Familie | Kreiszahl | Staubblätter | Fruchtknoten |
|---|---|---|---|
| Brassicaceae | vierzählig, Kronblätter in Kreuzstellung | zwei kurze und vier lange (tetradynamisch) | zwei Fruchtblätter, parietale Plazentation mit falscher Scheidewand |
| Lilienblüte (Monokotyle) | dreizählig, zwei Perigonkreise | zwei Kreise zu je drei | drei Fruchtblätter, dreifächrig, zentralwinkelständig |
| Caryophyllaceae | fünfzählig, Kelch und Krone | zwei Kreise, obdiplostemon | einfächrig mit zentraler Plazenta |
Wer Formel und Diagramm verknüpft, prüft sich selbst. Ein dreizähliger Grundriss mit sechs Tepalen entspricht \(* P3+3\ A3+3\ G(\underline{3})\). Ein vierzähliger mit tetradynamischen Staubblättern führt sofort zu den Kreuzblütlern.
Quiz
Aussage 1
Bei den Caryophyllaceae steht der äußere Staubblattkreis vor den Kronblättern.
Die Caryophyllaceae sind obdiplostemon, ihr äußerer Staubblattkreis steht also vor den Kronblättern.
Aussage 2
In der Formel \(* K(5)\ [C(5)\ A5]\ G(\underline{2})\) zeigt die eckige Klammer, dass die Staubblätter mit der Krone verwachsen sind.
Eckige Klammern verbinden verschiedene Organe. Bei den Solanaceae sitzen die Staubblätter an der Kronröhre.
Aussage 3
Im Blütendiagramm wird die Abstammungsachse unten und das Tragblatt oben gezeichnet.
Es ist umgekehrt: Die Abstammungsachse liegt oben, das Tragblatt unten.
Aussage 4
Eine Blüte mit der Formel \(* P3+3\ A3+3\ G(\underline{3})\) gehört dem Bauplan nach typischerweise zu den Monokotylen.
Die durchgehende Dreizahl in Perigon- und Staubblattkreisen ist kennzeichnend für Monokotyle.
Aussage 5
Aus der Angabe A5+5 in einer Blütenformel lässt sich ablesen, ob eine Blüte obdiplostemon ist.
A5+5 nennt nur zwei Staubblattkreise. Ob der äußere Kreis vor Kelch- oder Kronblättern steht, zeigt erst das Blütendiagramm.
Aussage 6
Steht beim G der Strich über der Zahl, ist der Fruchtknoten oberständig.
Der Strich symbolisiert den Blütenboden. Strich über der Zahl bedeutet unterständig, Strich unter der Zahl oberständig.
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