Malvaceae (Malvengewächse)
Die Malvengewächse mit Außenkelch, Staubfadenröhre und Spaltfrucht, ihre Schleimdrogen von Eibisch, Malve und Linde sowie Hibiskusblüten und Baumwolle.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Malvaceae sind eine eudikotyle Familie der Malvales, zu der Malva, Althaea, Hibiscus, Gossypium, Tilia und Theobroma cacao gehören.
- Malvoideae-Blüten sind radiär und fünfzählig, haben einen Außenkelch aus Hochblättern und eine Staubfadenröhre aus verwachsenen Filamenten bei freien Antheren.
- Der Fruchtknoten ist coenokarp und oberständig; Malva und Althaea bilden Spaltfrüchte, die in einsamige Teilfrüchte zerfallen.
- Wertbestimmend sind saure Schleimpolysaccharide, auch in Malvenblättern und Lindenblüten.
- Althaeae radix ist eine Wurzeldroge mit Schleim und viel Stärke (Iod-Kaliumiodid blauschwarz); ihre Güte prüft man über die Quellungszahl.
- Verbandwatte besteht aus einzelligen Epidermishaaren der Samenschale von Gossypium; Tiliae flos besteht aus Blütenständen mit Hochblatt.
Worum es geht
Die Malvaceae sind eine eudikotyle Familie, die der Pharmazie vor allem Schleimdrogen liefert. Die Eibischwurzel im Hustentee gehört ebenso dazu wie Lindenblüten, Hibiskusblüten und die Baumwolle der Verbandwatte.
Einordnung und Erkennungsmerkmale
Die Familie ist heute weit gefasst. Neben den klassischen Malven gehören auch die früheren Lindengewächse und der Kakaobaum dazu. Malva selbst ist eine Gattung, nach der die Familie Malvaceae benannt ist.
| Merkmal | Ausprägung |
|---|---|
| Systematik | Eudikotyle, Rosiden, Ordnung Malvales; Unterfamilien u. a. Malvoideae (Malva, Althaea, Hibiscus, Gossypium), Tilioideae (Tilia), Byttnerioideae (Theobroma) |
| Wuchsform | Kräuter, Stauden, Sträucher und Bäume (Linde, Kakao) |
| Blätter | wechselständig, oft handförmig gelappt, mit Nebenblättern, häufig Stern- oder Büschelhaare |
| Blüte | radiär, fünfzählig, doppelte Blütenhülle, bei Malvoideae mit Außenkelch, Krone getrenntblättrig, viele Staubblätter |
| Blütenformel | ✱ AK 3–∞ K (5) C 5 A (∞) G (5–∞), Fruchtknoten oberständig (Malvoideae) |
| Frucht | Spaltfrucht (Malva, Althaea), Kapsel (Hibiscus, Gossypium), Nüsschen (Tilia) |
| typische Inhaltsstoffe | saure Schleimpolysaccharide in Schleimzellen, fettes Öl in Samen |
| wichtige Arzneipflanzen | Eibisch, Wilde Malve, Linde, Hibiskus, Baumwolle, Kakaobaum |
Auf Fotos erkennt man die Malvoideae an drei Dingen. Unter dem eigentlichen Kelch sitzt ein zweiter Blattkranz. Aus der Blütenmitte ragt eine Säule mit vielen Staubbeuteln. Die reife Frucht ist eine flache Scheibe aus vielen Teilfrüchten. Die Gattungen trennt man dann vor allem am Außenkelch und am Wuchs.
| Gattung | Außenkelch | Blüte | weitere Kennzeichen |
|---|---|---|---|
| Malva (Malve) | 3 freie Blätter | rosaviolett mit dunklen Längsstreifen, Kronblätter vorn ausgerandet | Blätter rundlich, 5- bis 7-lappig, lang gestielt |
| Althaea (Eibisch) | 6 bis 9 Zipfel, am Grund verwachsen | blassrosa bis weißlich | Blätter samtig-filzig behaart |
| Hibiscus | viele schmale Blättchen | groß, trichterförmig, Griffel mit 5 Narben | Frucht eine Kapsel |
| Tilia (Linde) | fehlt | gelblich-weiß, duftend, in Trugdolden | Baum, herzförmige Blätter, zungenförmiges Hochblatt |
Malvoideae erkennt man am Dreiklang Außenkelch, Staubfadenröhre und scheibenförmige Spaltfrucht. Die Linde fällt aus diesem Schema und wird an Baumwuchs und Hochblatt erkannt.
Blüte und Frucht
Die Blüten sind radiärsymmetrisch und fünfzählig. Das gilt auch für die Linde. Die Blütenhülle ist doppelt, also in Kelch und Krone gegliedert, und bildet kein einheitliches Perigon. Die fünf Kronblätter sind frei und sitzen nur am Grund der Staubfadenröhre an. Jede Blüte ist eine echte Einzelblüte. Pseudanthien wie das Körbchen der Korbblütler kommen nicht vor.
Unter dem Kelch steht bei den Malvoideae der Außenkelch. Er besteht aus Hochblättern, die dicht an die Blüte herangerückt sind. Man kann ihn sich als zweiten, kleineren Kelch vorstellen. Bei Malva sind es drei Blätter, bei Althaea sechs bis neun Zipfel.
Im Zentrum sitzen zahlreiche Staubblätter. Ihre Staubfäden (Filamente) sind zu einer Staubfadenröhre verwachsen, die den Griffel umhüllt. Die Staubbeutel (Antheren) bleiben dagegen frei und sitzen außen am oberen Teil der Röhre. Bei den Malvoideae sind sie einfächrig. Die Formel lautet deshalb A (∞). Eine Formel mit zwei Kreisen zu je fünf Staubblättern, also A 5+5, passt nicht zu den Malvaceae.
Das Gynoeceum ist coenokarp: Die Fruchtblätter sind zu einem einzigen Fruchtknoten verwachsen. Er ist oberständig, auch bei Malva, Althaea und Tilia. Die Zahl der Karpelle schwankt stark und kann bis 50 erreichen. Die Narbenäste ragen oben aus der Staubfadenröhre heraus, wie das Diagramm im Längsschnitt zeigt.
Bei Malva und Althaea entsteht daraus eine Spaltfrucht. Sie zerfällt bei der Reife entlang der Karpellgrenzen in einsamige Teilfrüchte. Die flache Frucht erinnert an ein in Stücke geteiltes Käserad. Anders entsteht die Klausenfrucht der Lippenblütler, denn dort teilt eine falsche Scheidewand jedes Fruchtblatt zusätzlich. Malva sylvestris bildet also keine Klausen. Hibiscus und Gossypium bilden dagegen Kapseln.
Inhaltsstoffe
Wertbestimmend sind in der Familie saure Schleimpolysaccharide. Sie enthalten neben Neutralzuckern Uronsäuren, vor allem Galacturonsäure. Deren Carboxylgruppen machen die Schleime sauer und binden viel Wasser. Gebildet werden sie in Schleimzellen von Wurzel, Blatt und Blüte.
Mit Wasser quellen die Schleime zu einer zähen Lösung. Sie legt sich als Schutzfilm über gereizte Schleimhaut in Mund und Rachen. Deshalb setzt man Schleimdrogen als reizmildernde Mittel bei trockenem Reizhusten und Halsentzündung ein.
Schleim führen die Malvoideae wie Eibisch und Malve, aber ebenso die Linden. Erkennt man auf einem Bild eine Malvacee, ist die Stoffklasse daher fast immer klar: Wurzel, Blätter oder Blüten werden wegen ihrer Schleimstoffe verwendet. Dieses Erkennen mit anschließender Zuordnung wird im Examen gerne gefragt, und dabei solltest du wissen, dass auch Malvenblätter und Lindenblüten Schleimdrogen sind.
Daneben speichern die Samen von Baumwolle und Kakao fettes Öl. Hibiskusblüten enthalten zusätzlich Fruchtsäuren und rote Anthocyane.
Arzneipflanzen und Drogen
Die meisten Drogen der Familie sind Schleimdrogen, dazu kommen eine säurehaltige Teedroge und ein Verbandstoff.
| Pflanze | Droge | Leitstoffe | Wirkung oder Verwendung |
|---|---|---|---|
| Echter Eibisch, Althaea officinalis | Althaeae radix (Eibischwurzel), Althaeae folium | Schleim, Stärke, Pektin | reizmildernd bei Reizhusten, Mund- und Rachenentzündung |
| Wilde Malve, Malva sylvestris | Malvae folium, Malvae sylvestris flos | Schleim, in Blüten Anthocyane | reizmildernd bei Reizhusten |
| Linde, Tilia cordata, T. platyphyllos | Tiliae flos | Schleim, Flavonoide | Erkältung, Reizhusten |
| Rosella, Hibiscus sabdariffa | Hibisci sabdariffae flos | Fruchtsäuren, Anthocyane, Schleim | Teedroge, Farb- und Geschmackskorrigens |
| Baumwolle, Gossypium hirsutum, G. herbaceum | Verbandwatte aus Baumwolle | Cellulose der Samenhaare | Verbandstoff |
| Kakaobaum, Theobroma cacao | Cacao oleum (Kakaobutter) | Fett | Grundlage für Zäpfchen |
Eibisch (Althaea officinalis)
Der Eibisch ist eine bis 2 m hohe Staude feuchter Standorte. Seine Blätter sind samtig-filzig, die blassrosa Blüten tragen einen Außenkelch. Die Frucht ist eine scheibenförmige Spaltfrucht.
Köhler’s Medizinal-Pflanzen · hrsg. von Franz Eugen Köhler · gemeinfrei
Althaeae radix besteht aus den geschälten oder ungeschälten, getrockneten Wurzeln. Sie ist eine Wurzeldroge und keine Rhizomdroge, denn Knoten, Blattnarben und Knospen fehlen. Neben reichlich Schleim enthält sie viel Stärke. Mit Iod-Kaliumiodid-Lösung färbt sich die Droge daher blauschwarz.
Ihr Wert liegt allein im Schleim. Saponine, ätherisches Öl und Gerbstoffe spielen bei ihr keine Rolle. Zur Appetitanregung taugt sie nicht, denn sie schmeckt fade und schleimig statt bitter.
Eibischwurzel ist besonders prüfungsrelevant: Sie ist eine Wurzeldroge, deren Wert im Schleim liegt, und ihr hoher Stärkegehalt macht die Iod-Kaliumiodid-Probe positiv. Achte auf die Unterscheidung Wurzel gegen Rhizom und darauf, dass ihre Güte über die Quellungszahl geprüft wird.
Wie gut eine Schleimdroge quillt, misst das Arzneibuch mit der Quellungszahl. Für gepulverte Eibischwurzel schreibt das Ph. Eur. einen Mindestwert vor.
Die Quellungszahl ist das Volumen in mL, das 1 g Droge samt anhaftendem Schleim nach 4 Stunden Quellen in Wasser einnimmt. Man bestimmt sie im verschlossenen 25-mL-Messzylinder und mittelt drei Ansätze.
Ein Beispiel: Drei Ansätze mit je 1,00 g Pulver nehmen 11,0 mL, 12,5 mL und 12,0 mL ein. Der Mittelwert ergibt die Quellungszahl 11,8. Sie läge damit über dem Mindestwert von 10.
Eibischwurzel setzt man als Kaltmazerat an und lässt sie etwa eine halbe bis zwei Stunden in kaltem Wasser ziehen. Heißes Wasser würde die Stärke verkleistern und den Auszug trüben.
Unter dem Mikroskop zeigt geschälte Eibischwurzel Parenchym voller Stärkekörner, Schleimzellen und Calciumoxalatdrusen. Die Bastfasern liegen in Bündeln und sind nur schwach verholzt. Mit Phloroglucin-Salzsäure färben sie sich daher kaum rot.
Wilde Malve (Malva sylvestris)
Die Malve erkennt man an den rosavioletten, dunkel gestreiften Blüten mit drei Außenkelchblättern und an den rundlichen, gelappten Blättern. Offizinell sind Malvenblätter (Malvae folium) und Malvenblüten (Malvae sylvestris flos). Kraut und Wurzel der Malve sind keine Arzneibuchdrogen. Beide Drogen verwendet man wegen ihres Schleims.
Hibiskus (Hibiscus sabdariffa)
Die Hibiskusblüten stammen von der Rosella, einer tropischen Malvacee. Nach der Blüte werden Kelch und Außenkelch fleischig und leuchtend rot. Genau diese Teile bilden die Droge. Fruchtsäuren und Anthocyane geben dem Tee seinen sauren Geschmack und die rote Farbe.
Baumwolle (Gossypium)
Baumwolle stammt nicht aus dem Stängel. Sie besteht aus einzelligen Epidermishaaren der Samenschale, die mehrere Zentimeter lang werden und fast reine Cellulose enthalten. Gereinigt, entfettet und gebleicht ergeben sie Verbandwatte aus Baumwolle (Ph. Eur.). In der Familie liefert nur Gossypium dieses Material, Malve und Hibiskus also nicht. Die Samen selbst speichern fettes Öl. Gossypium gehört zu den Malvaceae und nicht zu den Fabaceae.
Linde (Tilia)
Linden sind Bäume mit herzförmigen, gesägten Blättern. Ihre gelblich-weißen Blüten stehen in hängenden Trugdolden. Der Stiel des Blütenstands ist etwa zur Hälfte mit einem zungenförmigen, hellgrünen Hochblatt verwachsen. An Hochblatt und Blattform erkennt man die Linde auch auf Fotos sicher.
Tiliae flos besteht aus den ganzen Blütenständen samt Hochblatt. Malven- und Hibiskusblüten sind dagegen keine Blütenstände: Bei der Malve sind es Einzelblüten, beim Hibiskus nur Kelchteile. Lindenblüten enthalten Schleim und Flavonoide.
Anatomisch verhält sich die Linde wie ein typischer eudikotyler Baum. Sie zeigt sekundäres Dickenwachstum und bildet ligninhaltiges Holz. Ihre Leitbündel sind offen-kollateral, anders als die geschlossen-kollateralen Bündel der Monokotylen. Auch der Zentralzylinder ihrer Wurzel ist oligarch und nicht radial-polyarch. An Blättern und jungen Trieben sitzen Büschelhaare, also sternförmig gebündelte Haare.
Quiz
Aussage 1
Verbandwatte aus Baumwolle wird aus den Bastfasern der Sprossachse von Gossypium gewonnen.
Verbandwatte besteht aus den einzelligen Epidermishaaren der Samenschale von Gossypium-Arten.
Aussage 2
Die Quellungszahl gibt das Volumen in mL an, das 1 g Droge samt Schleim nach dem Quellen in Wasser einnimmt.
So ist die Quellungszahl definiert; für gepulverte Eibischwurzel schreibt das Ph. Eur. einen Mindestwert vor.
Aussage 3
Die reife Frucht von Althaea officinalis zerfällt in einsamige Teilfrüchte.
Eibisch und Malve bilden Spaltfrüchte, die entlang der Karpellgrenzen in einsamige Teilfrüchte zerfallen.
Aussage 4
Althaeae radix ist eine Rhizomdroge, an der man Knoten und Blattnarben erkennt.
Eibischwurzel ist eine echte Wurzeldroge; Knoten, Blattnarben und Knospen fehlen ihr.
Aussage 5
Lindenblüten verwendet man vor allem wegen ihrer Gerbstoffe, Schleim kommt in der Familie nur bei den Malvoideae vor.
Auch Linden enthalten schleimbildende Polysaccharide; Tiliae flos führt Schleim und Flavonoide.
Aussage 6
Eibischwurzel färbt sich mit Iod-Kaliumiodid-Lösung blauschwarz, weil sie reichlich Stärke enthält.
Althaeae radix enthält neben Schleim viel Stärke, deshalb fällt die Iodprobe positiv aus.
Aussage 7
Der Außenkelch der Malvoideae besteht aus Hochblättern, die unterhalb des eigentlichen Kelchs stehen.
Der Außenkelch ist ein zweiter Blattkranz aus an die Blüte herangerückten Hochblättern, etwa drei bei Malva und sechs bis neun bei Althaea.
Aussage 8
Bei den Malvaceae sind die Antheren zu einer Röhre verwachsen, während die Filamente frei bleiben.
Umgekehrt: Die Filamente bilden die Staubfadenröhre um den Griffel, die Antheren bleiben frei.
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