Rosaceae (Rosengewächse)
Rosengewächse an Blatt, Blüte, Hypanthium und Fruchttypen erkennen und ihre Gerbstoffdrogen Weißdorn, Blutwurz und Frauenmantel den Stammpflanzen zuordnen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Rosaceae sind eine Familie der Eudikotylen (Rosiden) mit meist radiären, fünfzähligen Blüten, Nebenblättern und vielen gerbstoffreichen Arzneipflanzen.
- Die Kronblätter sind frei, die Staubblätter zählen 5, 10, 20 oder unendlich viele, und die Blütenachse bildet häufig ein Hypanthium.
- Typische Früchte sind Balg, Nüsschen und Steinfrucht (Prunus) sowie Sammelfrüchte: Sammelsteinfrucht bei Rubus idaeus, Sammelnussfrucht bei Fragaria und Rosa canina, Apfelfrucht bei Malus und Pyrus. Beeren kommen nicht vor.
- Wertbestimmend sind meist Gerbstoffe (Proanthocyanidine, Ellagitannine) neben Flavonoiden. Anthranoide und Polyine fehlen, ätherische Öle sind nicht wertbestimmend.
- Weißdorn liefert Crataegi folium cum flore und Crataegi fructus mit OPC, ohne herzwirksame Glykoside. Potentilla erecta liefert Tormentillae rhizoma, Alchemilla vulgaris Alchemillae herba.
Worum es geht
Die Rosengewächse vereinen bekannte Obstpflanzen wie Apfel und Kirsche mit wichtigen Gerbstoffdrogen. Für die Pharmazie zählen vor allem Weißdorn, Blutwurz und Frauenmantel. Ebenso wichtig ist, die Familie an Blüte und Frucht sicher zu erkennen.
Einordnung und Erkennungsmerkmale
Systematisch gehören die Rosaceae zu den Rosiden innerhalb der Eudikotylen. Der Steckbrief fasst ihre Merkmale zusammen.
| Merkmal | Ausprägung |
|---|---|
| Systematik | Eudikotyle, Rosiden, Ordnung Rosales |
| Wuchsform | Bäume, Sträucher und Kräuter, oft mit Dornen oder Stacheln |
| Blätter | wechselständig, netznervig, einfach oder zusammengesetzt (gefingert, oft unpaarig gefiedert), meist mit Nebenblättern |
| Blüte | meist radiär und fünfzählig, freie Kronblätter, häufig mit Hypanthium |
| Blütenformel | \(\ast\) K5 C5 A5, 10, 20 oder ∞ G1 bis ∞ |
| Frucht | Balg, Nüsschen, Steinfrucht, Sammelfrüchte oft mit Achsengewebe |
| typische Inhaltsstoffe | Gerbstoffe (Proanthocyanidine, Ellagitannine), Flavonoide, Triterpensaponine, fettes Öl |
| wichtige Arzneipflanzen | Weißdorn, Blutwurz, Frauenmantel, Hundsrose, Mandel |
Woran man Rosaceae erkennt
Die Blätter sind netznervig und stehen wechselständig. Ihre Form schwankt stark. Kirsche und Apfel haben einfache Blätter, Erdbeere und Fingerkraut gefingerte, Rose und Himbeere unpaarig gefiederte. Fast immer sitzen am Blattgrund Nebenblätter (Stipeln). Das Blatt allein verrät die Familie also kaum.
Sicherer ist die Blüte. Typisch ist eine offene Schale aus fünf freien Kronblättern, darin ein Kranz zahlreicher Staubblätter. Kommt eine Frucht mit fleischigem Achsengewebe hinzu, liegt eine Rosaceae nahe. Die Gattungen trennt man dann an Wuchs, Blatt und Frucht.
| Gattung | Wuchs und Blatt | Blüte | Frucht |
|---|---|---|---|
| Rubus (Himbeere, Brombeere) | Halbstrauch mit stacheligen Ruten, Blätter gefingert oder gefiedert | weiß bis rosa | Sammelsteinfrucht, rot oder schwarz |
| Fragaria (Erdbeere) | Kraut mit Ausläufern, dreizählig gefingerte Blätter | weiß | rote fleischige Achse, Nüsschen außen |
| Prunus (Kirsche, Pflaume, Mandel) | Baum oder Strauch, einfache gesägte Blätter | weiß bis rosa, ein Fruchtblatt | Steinfrucht mit einem Stein |
| Malus, Pyrus (Apfel, Birne) | Baum, einfache Blätter | weiß bis rosa, Fruchtknoten unterständig | Apfelfrucht mit Kerngehäuse |
| Crataegus (Weißdorn) | dorniger Strauch, gelappte Blätter | weiß, in Doldenrispen | kleine rote Apfelfrucht mit Steinkernen |
Wer Rubus von Crataegus trennen will, schaut auf die Frucht. Die Brombeere setzt sich aus vielen Steinfrüchtchen zusammen, der Weißdorn bildet eine einzige kleine Apfelfrucht. Prunus gehört zu den Rosaceae und nicht zu den Araliaceae. Die meisten Arzneipflanzen der Familie, etwa Weißdorn, Blutwurz, Frauenmantel und Brombeere, sind in Mitteleuropa heimisch.
Rosaceae auf Fotos zu erkennen ist ein Examensklassiker. Achte auf fünf freie Kronblätter mit vielen Staubblättern, auf Nebenblätter und auf den Fruchttyp. Damit trennst du Rubus, Fragaria, Prunus, Malus und Crataegus sicher.
Blüte und Frucht
Die Blüten sind meist radiär (actinomorph) und fünfzählig. Kelch und Krone bestehen aus je fünf Blättern, die Kronblätter sind frei. Eine röhrig verwachsene Krone mit angewachsenen Staubblättern kommt nicht vor. Zygomorphe Blüten sind die Ausnahme, sechs bis unendlich viele Kronblätter untypisch.
Ein gutes Merkmal ist die Zahl der Staubblätter: 5, 10, 20 oder unendlich viele. Im Blütendiagramm liegen dann ein oder mehrere Staubblattkreise um das Gynoeceum aus einem bis vielen Fruchtblättern. Auch die Ranunculaceae haben überwiegend radiäre Blüten mit vielen Staubblättern. Doch nur bei Rosaceae gibt es Vertreter mit genau 2 × 5 Staubblättern, und nur sie bilden typischerweise ein Hypanthium.
Das Hypanthium (Blütenbecher) ist ein flach, schüssel- oder krugförmig erweiterter Abschnitt der Blütenachse. Auf seinem Rand stehen Kelch, Krone und Staubblätter, in seiner Mitte die Fruchtblätter.
Die Form des Bechers bestimmt die Stellung des Fruchtknotens. Bei der Kirsche ist das Hypanthium offen, der einzige Fruchtknoten steht frei in der Mitte. Bei der Rose umschließt ein Krug viele freie Fruchtblätter. Beim Apfel ist der Becher mit den Fruchtblättern verwachsen, der Fruchtknoten ist unterständig.
Fruchttypen
Aus diesen Blüten gehen sehr verschiedene Früchte hervor. Grundlage sind drei einfache Typen: Balgfrucht, Nüsschen und Steinfrucht. Bei vielen Gattungen entsteht daraus eine Sammelfrucht. Ihr Fleisch stammt oft aus der Blütenachse statt aus der Fruchtwand. Welche Gattung welchen Fruchttyp bildet, wird im Examen gerne gefragt, vor allem bei Hagebutte, Himbeere und Erdbeere.
| Frucht | Fruchttyp | Aufbau |
|---|---|---|
| Kirsche, Pflaume, Mandel (Prunus) | Steinfrucht | Exokarp als Haut, Mesokarp meist fleischig, Endokarp verholzt als Stein |
| Himbeere (Rubus idaeus) | Sammelsteinfrucht | viele Steinfrüchtchen auf kegelförmiger Achse |
| Erdbeere (Fragaria vesca) | Sammelnussfrucht | Nüsschen auf der fleischig roten Achse |
| Hagebutte (Rosa canina) | Sammelnussfrucht | Nüsschen im fleischigen, krugförmigen Hypanthium |
| Apfel, Birne (Malus, Pyrus) | Apfelfrucht (Sammelbalgfrucht) | pergamentartige Bälge als Kerngehäuse, verwachsen mit fleischigem Achsengewebe |
| Spierstrauch (Spiraea) | Sammelbalgfrucht | mehrere freie, sich öffnende Bälge |
Offizinelle Prunus-Arten wie die Mandel bilden also Schließfrüchte und keine Öffnungsfrüchte. Öffnen sich Früchte bei Rosaceae, sind es Bälge, nie Kapseln. Anders als bei Feige oder Maulbeere stammt jede Sammelfrucht aus einer einzigen Blüte. Fruchtverbände aus den Fruchtknoten mehrerer Blüten gibt es in der Familie nicht.
Erdbeere, Hagebutte und Weißdornfrucht sind saftig, aber keine Beeren. Ihr Fleisch ist Achsengewebe, die eigentlichen Früchte sind Nüsschen, Bälge oder Steinkerne. Beeren bilden Rosaceae nicht.
Inhaltsstoffe
Kennzeichen der Familie ist ihr hoher Gerbstoffgehalt. Viele offizinelle Rosaceae nutzt man gerade wegen dieser Polyphenole. Besonders prüfungsrelevant ist, dass Gerbstoffe hier wertbestimmend sind, während die Ranunculaceae kaum Gerbstoffe enthalten. Zwei Gruppen kommen vor:
- Proanthocyanidine (kondensierte Gerbstoffe), etwa im Weißdorn und in der Blutwurz
- Ellagitannine (hydrolysierbare Gerbstoffe), etwa im Frauenmantel
Gerbstoffe fällen Eiweiße an der Schleimhaut und verdichten so die oberste Zellschicht. Man kann sich das wie ein Gerben der Oberfläche vorstellen. Diese adstringierende Wirkung nutzt man bei Durchfall und bei Entzündungen in Mund und Rachen. Die Strukturen behandelt die Seite zu Phenylpropanoiden und Flavonoiden.
Daneben enthalten die Drogen Flavonoide, im Weißdorn etwa Hyperosid. Auch Triterpensaponine kommen vor. Fettes Öl liefern vor allem die Samen der Mandel. Ätherische Öle sind bei den meisten offizinellen Rosaceae nicht wertbestimmend. Alkaloide sind selten und dominieren nie als stickstoffhaltige Sekundärstoffe.
Anthranoide bildet die Familie nicht, sie ist also keine Quelle für Abführdrogen. Solche Drogen liefern etwa die Polygonaceae. Polyine fehlen ebenfalls, typisch sind sie für die Asteraceae.
Arzneipflanzen und Drogen
Die wichtigsten Arzneipflanzen der Familie liefern Gerbstoff- und Flavonoiddrogen.
| Pflanze | Droge | Leitstoffe | Wirkung oder Verwendung |
|---|---|---|---|
| Weißdorn (Crataegus monogyna, C. laevigata) | Crataegi folium cum flore, Crataegi fructus | oligomere Proanthocyanidine, Flavonoide | traditionell bei nachlassender Herzleistung |
| Blutwurz, Tormentill (Potentilla erecta) | Tormentillae rhizoma | Proanthocyanidine, Ellagitannine | Durchfall, Entzündungen in Mund und Rachen |
| Frauenmantel (Alchemilla vulgaris) | Alchemillae herba | Ellagitannine, Flavonoide | leichte Durchfälle |
| Gänsefingerkraut (Potentilla anserina) | Anserinae herba | Gerbstoffe | leichte Durchfälle |
| Hundsrose (Rosa canina) | Rosae pseudo-fructus | Vitamin C, Fruchtsäuren, Pektin | Teebestandteil |
| Mandel (Prunus dulcis) | Amygdalae oleum | fettes Öl | Salbengrundlage, Hautpflege |
Weißdorn
Stammpflanzen sind der Eingriffelige Weißdorn (Crataegus monogyna) und der Zweigriffelige Weißdorn (C. laevigata). Beide wachsen in Deutschland wild in Hecken und an Waldrändern. Man erkennt sie an Sprossdornen, gelappten Blättern und weißen Blüten in Doldenrispen. C. monogyna hat tief gelappte Blätter und rote Früchte mit nur einem Steinkern. C. laevigata hat flacher gelappte Blätter und meist zwei Steinkerne.
Offizinell sind Weißdornblätter mit Blüten (Crataegi folium cum flore) und Weißdornfrüchte (Crataegi fructus). Eine Herba-Droge gibt es nicht. Wirksam sind oligomere Proanthocyanidine (OPC) und Flavonoide.
Weißdorn wirkt am Herzen über OPC und Flavonoide, nicht über herzwirksame Steroidglykoside wie der Fingerhut. Er enthält auch keine Alkaloide und ist ungiftig.
Blutwurz und Gänsefingerkraut
Potentilla erecta heißt Blutwurz oder Tormentill. Der zierliche, aufrechte Stängel trägt gefingerte Blätter mit großen Nebenblättern. Auffällig sind die kleinen gelben Blüten mit nur vier Kronblättern, eine Ausnahme in der Familie. Daran grenzt man sie von ähnlich gelb blühenden Pflanzen wie Hahnenfuß oder anderen Fingerkräutern ab.
Arzneibuchdroge ist der knollige Wurzelstock, Tormentillae rhizoma. Er ist innen rot, daher der Name Blutwurz. Er ist sehr reich an Gerbstoffen.
Köhler’s Medizinal-Pflanzen · hrsg. von Franz Eugen Köhler · gemeinfrei
Das Gänsefingerkraut (P. anserina) wächst kriechend mit Ausläufern. Seine gefiederten Blätter sind unterseits silbrig behaart, die gelben Blüten fünfzählig. Von ihm stammt keine Rhizom-Droge, verwendet wird das Kraut.
Frauenmantel
Alchemilla vulgaris ist ein ungiftiges Kraut feuchter Wiesen. Die rundlichen, handförmig gelappten Blätter sind gefaltet und tragen morgens oft Wassertropfen am Rand. Die kleinen gelbgrünen Blüten haben keine Kronblätter, nur Kelch und Außenkelch. Aus ihnen entstehen Nüsschen im Blütenbecher. Droge ist das Frauenmantelkraut (Alchemillae herba).
Quiz
Aussage 1
Tormentillae rhizoma ist der gerbstoffreiche, innen rote Wurzelstock von Potentilla erecta.
Die Blutwurz liefert ihr Rhizom als Arzneibuchdroge. Die rote Farbe im Inneren gab ihr den Namen.
Aussage 2
Das rote Fruchtfleisch der Erdbeere geht aus den Fruchtblättern hervor, weshalb man sie als Sammelbeere bezeichnet.
Das Fleisch der Erdbeere ist die vergrößerte Blütenachse. Die eigentlichen Früchte sind Nüsschen auf ihrer Oberfläche, es handelt sich um eine Sammelnussfrucht.
Aussage 3
Die Blüten der Rosaceae sind überwiegend radiärsymmetrisch und besitzen freie Kronblätter.
Rosaceae haben meist radiäre, fünfzählige Blüten mit freien Kronblättern. Zygomorphe Blüten sind die Ausnahme.
Aussage 4
Das Hypanthium ist ein becherförmiger Abschnitt der Blütenachse, auf dessen Rand Kelch, Krone und Staubblätter stehen.
Genau so ist der Blütenbecher definiert. Seine Form bestimmt, ob der Fruchtknoten frei steht oder wie beim Apfel unterständig ist.
Aussage 5
Weißdornblätter mit Blüten wirken über herzwirksame Steroidglykoside ähnlich wie Fingerhutblätter.
Weißdorn enthält keine herzwirksamen Glykoside. Wirksam sind oligomere Proanthocyanidine und Flavonoide, die Pflanze ist ungiftig.
Aussage 6
Himbeere und Brombeere lassen sich vom Weißdorn unter anderem an stacheligen Ruten und Sammelsteinfrüchten unterscheiden.
Rubus bildet stachelige Ruten und Früchte aus vielen Steinfrüchtchen. Der Weißdorn ist ein dorniger Strauch mit kleinen roten Apfelfrüchten.
Aussage 7
Bei den meisten offizinellen Rosaceae sind ätherische Öle die wertbestimmenden Inhaltsstoffe.
Wertbestimmend sind bei den meisten offizinellen Rosaceae Gerbstoffe wie Proanthocyanidine und Ellagitannine.
Aussage 8
Die Hagebutte von Rosa canina ist eine Sammelsteinfrucht.
Die Hagebutte ist eine Sammelnussfrucht: Nüsschen sitzen im fleischigen, krugförmigen Hypanthium. Eine Sammelsteinfrucht bildet etwa die Himbeere.
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