Samenpflanzen

Plantaginaceae (Wegerichgewächse)

Die Plantaginaceae in neuer Umgrenzung: Fingerhut mit Cardenoliden, Spitzwegerich und Flohsamen als Schleimdrogen, dazu die Königskerze als nahe Verwandte aus den Scrophulariaceae.

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Das Wichtigste in Kürze5 Punkte
  • Die Plantaginaceae (Lamiales) umfassen heute viele frühere Scrophulariaceae wie Digitalis und Veronica sowie alle Plantago-Arten, während Verbascum bei den Scrophulariaceae bleibt.
  • Die Blüten sind uneinheitlich: Rachenblüte bei Digitalis mit vier Staubblättern, vierzipflig bei Veronica, radiär und vierzählig mit herausragenden Staubblättern bei Plantago.
  • Digitalis-Blätter enthalten Cardenolide wie Digitoxin, keine Bufadienolide; D. lanata liefert zusätzlich Digoxin.
  • Digitalis purpurea ist zweijährig mit Blattrosette im ersten Jahr, netznervigen Blättern, einseitswendiger Traube und vielsamiger Kapsel.
  • Flohsamen stammen von Plantago afra, Indische Flohsamen und -schalen von Plantago ovata; ihr Schleim in der Testa wirkt als Quellungslaxans bei Obstipation und unterstützend bei Diarrhö.

Worum es geht

Die Wegerichgewächse sind durch die molekulare Systematik stark gewachsen. Heute gehören neben dem Spitzwegerich und den Flohsamen auch der Fingerhut dazu, aus dem Digitoxin stammt. Für die Pharmazie liefert die Familie damit Herzglykoside, Hustenmittel und Quellungslaxanzien.

Einordnung und Erkennungsmerkmale

Die Plantaginaceae gehören zur Ordnung Lamiales innerhalb der Asteriden. Ihre heutige Umgrenzung beruht auf DNA-Vergleichen. Diese zeigten, dass die alten Scrophulariaceae (Braunwurzgewächse) im weiten Sinn keine natürliche Verwandtschaftsgruppe waren.

Viele ihrer Gattungen stehen deshalb heute zusammen mit Plantago in den Plantaginaceae. Dazu zählen Digitalis (Fingerhut), Veronica (Ehrenpreis) und Antirrhinum (Löwenmaul). Verbascum (Königskerze) und Scrophularia (Braunwurz) bleiben dagegen in den Scrophulariaceae im engen Sinn.

Schema mit einem Kasten Scrophulariaceae im alten Sinn, von dem Pfeile zu den Plantaginaceae mit Fingerhut, Ehrenpreis, Löwenmaul und Wegerich sowie zu den Scrophulariaceae mit Königskerze und Braunwurz führen

Aus einer Familie werden mehrere: die Neugliederung der Braunwurzgewächse

Verwandtschaft folgt der Abstammung, nicht dem Inhaltsstoff. Digitalis ist darum näher mit Plantago lanceolata verwandt als mit Adonis vernalis. Das Adonisröschen bildet zwar ebenfalls Cardenolide, gehört aber zu den Ranunculaceae. Auch der Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) liegt außerhalb der Familie. Er zählt heute zu den Lamiaceae.

🎯 Examensrelevant: Neue Familiengrenzen

Fingerhut (Digitalis purpurea, D. lanata), Ehrenpreis und alle Plantago-Arten gehören zu den Plantaginaceae, die Königskerze dagegen zu den Scrophulariaceae. Achte darauf, dass die zweilippige Fingerhutblüte dich nicht zu den Lippenblütlern führt: Entscheidend ist die molekulare Verwandtschaft.

Die Endung eines Namens verrät seinen Rang in den taxonomischen Rangstufen. Familien enden auf -aceae, Unterfamilien auf -oideae. Digitalis selbst ist eine Gattung.

📖 Definition: Tribus

Eine Tribus ist eine Rangstufe zwischen Unterfamilie und Gattung. Ihr Name endet in der Botanik auf -eae, etwa Digitaleae für die Tribus, zu der Digitalis gehört.

Merkmal Ausprägung
Systematik Asteriden, Ordnung Lamiales; viele Gattungen früher Scrophulariaceae
Wuchsform meist Kräuter, ein- bis zweijährig oder ausdauernd, oft mit Blattrosette
Blätter einfach, ohne Nebenblätter; wechselständig, gegenständig oder in Rosetten
Blüte Krone verwachsen, meist zygomorph bis zweilippig; bei Plantago radiär und vierzählig
Blütenformel Digitalis: \(\downarrow K5\;[C(5)\;A4]\;\underline{G}(2)\), Plantago: \(\ast K4\;[C(4)\;A4]\;\underline{G}(2)\)
Frucht vielsamige Kapsel, bei Plantago Deckelkapsel
typische Inhaltsstoffe Iridoidglykoside, Cardenolide (Digitalis), Schleimpolysaccharide (Plantago-Samen)
wichtige Arzneipflanzen Digitalis purpurea, D. lanata, Plantago lanceolata, P. afra, P. ovata

Ein einzelnes sicheres Merkmal hat die Familie nicht. Typisch für die Scrophulariaceae im weiten Sinn ist die Kombination: verwachsene, meist zygomorphe Krone, oberständiger Fruchtknoten aus zwei Karpellen und vielsamige Kapsel. Die Blattstellung wechselt von Gattung zu Gattung und ist nicht durchgehend dekussiert wie bei den Lippenblütlern. Auch bikollaterale Leitbündel sind kein Familienmerkmal. Auf Fotos fallen vor allem die hohe Blütentraube des Fingerhuts und die Rosette mit Ähre beim Wegerich auf.

Blüte und Frucht

Die Blüten der Familie sehen sehr unterschiedlich aus. Gemeinsam ist den meisten eine verwachsene Krone. Häufig sind sie zygomorph, also nur durch eine Ebene spiegelbar (siehe Blütensymmetrie).

Den Extremfall zeigt Digitalis. Seine fünf Kronblätter sind zu einer weiten Röhre verwachsen, die in Ober- und Unterlippe ausläuft. Innen sitzen vier Staubblätter, zwei längere und zwei kürzere. Solche Rachenblüten kommen in den Plantaginaceae regelmäßig vor.

📖 Definition: Rachenblüte

Eine Rachenblüte ist eine zygomorphe, verwachsenkronblättrige Blüte mit weiter Kronröhre und zwei Lippen, deren Eingang offen steht wie ein Rachen. Beim Löwenmaul verschließt eine Aufwölbung der Unterlippe den Schlund, man spricht dann von einer Maskenblüte.

Ganz anders der Ehrenpreis: Seine kleinen Blüten haben vier Kronzipfel und nur zwei Staubblätter. Die Königskerze trägt flache, radförmige Blüten. Sie wirken radiär, sind genau genommen aber schwach zygomorph.

Plantago hat unscheinbare, radiäre, vierzählige Blüten. Sie werden vom Wind bestäubt. Ihre vier Staubblätter ragen weit über die Krone hinaus. Fingerhut- und Wegerichblüten unterscheiden sich also in der Symmetrie.

Vier schematische Blüten nebeneinander: gelbe radförmige Verbascum-Blüte, röhrig-zweilippige Fingerhutblüte im Längsschnitt, kleine vierzipflige Ehrenpreisblüte und unscheinbare Wegerichblüte mit langen Staubblättern

Blütentypen der alten Scrophulariaceae und des Wegerichs: von radförmig mit fünf Staubblättern bis zweilippig oder vierzipflig

Diese Vielfalt ist selbst ein Erkennungszeichen, und du solltest sie sicher können: Eine radförmige, eine röhrig-zweilippige und eine kleine vierzipflige Blüte nebeneinander weisen auf die Scrophulariaceae im weiten Sinn. Malvaceae kommen nicht infrage, denn ihnen fehlen Kronröhre und Lippen, dafür haben sie Außenkelch und Staubfadenröhre.

Die Frucht ist meist eine vielsamige Kapsel. Bei Plantago springt sie mit einem Deckel auf.

Inhaltsstoffe

Chemisch typisch für die Familie sind Iridoidglykoside wie Aucubin und Catalpol. Pharmazeutisch stehen aber die Herzglykoside des Fingerhuts und die Schleime der Flohsamen im Vordergrund. Die Schleime folgen bei den Drogen.

Die Blätter aller Digitalis-Arten enthalten herzwirksame Steroidglykoside vom Typ der Cardenolide. Ihr Steroidgerüst trägt an C-17 einen fünfgliedrigen, ungesättigten Lactonring und an C-3 eine Zuckerkette. Hauptvertreter ist Digitoxin. D. lanata liefert über ihre Lanatoside zusätzlich Digoxin. Die Glykoside hemmen die \(\ce{Na+}/\ce{K+}\)-ATPase des Herzmuskels und wirken positiv inotrop. Den Bau der Cardenolide erklärt die Seite zu den Hundsgiftgewächsen.

Wird im Examen gerne gefragt: Digitalis bildet Cardenolide und keine Bufadienolide. Bufadienolide tragen einen sechsgliedrigen, zweifach ungesättigten Lactonring. Sie kommen etwa in Christrose und Meerzwiebel vor. Alkaloide wie die Tropanalkaloide der Nachtschattengewächse bildet der Fingerhut nicht, und als Öldroge dient er ebenfalls nicht.

Herzglykoside sind in mehreren, nicht näher verwandten Familien entstanden:

Pflanze Familie Glykosidtyp
Fingerhut (Digitalis) Plantaginaceae Cardenolide
Oleander (Nerium oleander) Apocynaceae Cardenolide
Strophanthus Apocynaceae Cardenolide
Adonisröschen (Adonis vernalis) Ranunculaceae Cardenolide
Christrose (Helleborus) Ranunculaceae Bufadienolide
Maiglöckchen (Convallaria majalis) Asparagaceae Cardenolide
Meerzwiebel (Urginea maritima) Asparagaceae Bufadienolide

Für die Familienzuordnung zählt also nie der Inhaltsstoff allein.

Arzneipflanzen und Drogen

Die Familie liefert Blattdrogen mit Herzglykosiden oder Iridoiden und Samendrogen mit Schleim.

Pflanze Droge Leitstoffe Wirkung oder Verwendung
Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) Digitalis purpureae folium Cardenolide, v. a. Digitoxin Herzglykosid-Gewinnung, positiv inotrop
Wolliger Fingerhut (Digitalis lanata) Blätter für die Industrie Lanatoside, Digoxin Gewinnung von Digoxin
Indischer Flohsamen (Plantago ovata) Plantaginis ovatae semen, Plantaginis ovatae seminis tegumentum Schleimpolysaccharide Quellungslaxans
Flohsamen (Plantago afra, P. indica) Psyllii semen Schleimpolysaccharide Quellungslaxans
Spitzwegerich (Plantago lanceolata) Plantaginis lanceolatae folium Iridoidglykoside, Schleim Reizhusten, Atemwegskatarrh
Großblütige Königskerze (Verbascum densiflorum), Scrophulariaceae Verbasci flos Schleim, Saponine, Iridoide Husten

Roter und Wolliger Fingerhut

Der Rote Fingerhut ist zweijährig. Im ersten Jahr bildet er nur eine Blattrosette aus großen, eiförmig-lanzettlichen Blättern. Sie sind netznervig und unterseits filzig behaart. Im zweiten Jahr wächst ein bis etwa 1,5 m hoher Stängel mit einer einseitswendigen Traube. Der Blütenstand ist unverzweigt, also keine Rispe.

Die hängenden, glockig-röhrigen Blüten sind purpurrot und innen dunkel gefleckt. Diese Saftmale führen Hummeln in die Röhre. Aus jeder Blüte entsteht eine vielsamige Kapsel. Die Droge sind die Blätter, nicht die Wurzel.

Farbige botanische Tafel des Roten Fingerhuts mit purpurroten glockigen Blüten an einer Traube, großen Blättern und Einzelheiten von Blüte und Samen

Roter Fingerhut (Digitalis purpurea): Blattrosette und einseitswendige Traube mit glockigen Blüten, dazu Kapsel und Samen.
Köhler’s Medizinal-Pflanzen · hrsg. von Franz Eugen Köhler · gemeinfrei

Der Wollige Fingerhut blüht in einer aufrechten, dicht wollig behaarten Traube. Seine Blüten sind bräunlich-gelb mit hell vorgezogener Unterlippe. Die einfachen, schmal-lanzettlichen Blätter wirken scheinbar parallelnervig. Beide Arten sind stark giftig. Schon wenige Blätter können tödliche Herzrhythmusstörungen auslösen.

Auf Fotos erkennt man Digitalis an Rosette, hoher Traube und zweilippiger Röhrenblüte. Die zygomorphe Krone trennt ihn von den radiären Blüten der Nachtschattengewächse. Die Kapsel trennt ihn von der Hülse der Schmetterlingsblütler.

Spitzwegerich

Plantago lanceolata bildet eine grundständige Rosette lanzettlicher Blätter. Ihre drei bis fünf Hauptnerven laufen fast parallel, die Blätter wirken daher scheinbar parallelnervig wie bei D. lanata. Aus der Rosette wachsen blattlose, gefurchte Stiele mit einer kurzen, walzenförmigen Ähre. Einen vierkantigen, behaarten Stängel mit grob gesägten Blättern hat der Spitzwegerich nicht. Seine Blätter enthalten Iridoidglykoside und Schleim und lindern Reizhusten.

Auf Fotos grenzt man ihn über je ein Merkmal ab:

  • Giftlattich (Lactuca virosa): Milchsaft, stängelumfassende, stachelig gezähnte Blätter, Körbchen
  • Wasserschierling (Cicuta virosa): gefiederte Blätter, Doppeldolden, Gift ist das Polyin Cicutoxin, das im Fingerhut fehlt
  • Sumpfschachtelhalm (Equisetum palustre): gegliederte, quirlig verzweigte Sprosse ohne Blüten
  • Buchweizen (Fagopyrum esculentum): herz-pfeilförmige Blätter mit Ochrea

Flohsamen und Indische Flohsamen

Flohsamen (Psyllii semen) stammen von Plantago afra (syn. P. psyllium) und P. indica. Indische Flohsamen und Indische Flohsamenschalen liefert Plantago ovata (syn. P. ispaghula). Die kleinen, glänzenden Samen erinnern an Flöhe.

⚠️ Achtung: Stammpflanzen der Samendrogen

Plantago afra liefert nur die Flohsamen, die Indischen Flohsamen stammen allein von P. ovata. Der Spitzwegerich liefert Blätter, aber keine Samendroge.

Wirksam sind quellfähige Schleimpolysaccharide. Sie sitzen in der Schleimepidermis der Testa. Die Schalen enthalten daher fast den ganzen Schleim und quellen pro Gramm stärker als ganze Samen.

📖 Definition: Quellungslaxans

Ein Quellungslaxans bindet im Darm Wasser, vergrößert das Stuhlvolumen und regt über den Dehnungsreiz die Peristaltik an. Es muss mit reichlich Flüssigkeit eingenommen werden, sonst droht ein Darmverschluss.

So helfen die Drogen bei Obstipation. Dieselbe Wasserbindung dickt bei Diarrhö den Stuhl ein, dort wirken sie unterstützend. Die Samen von P. ovata sind nicht giftig und enthalten keine Alkaloide. Harntreibend wirkt Schleim nicht, in Blasen- und Nierentees haben Flohsamen daher keinen Platz.

Königskerze zur Abgrenzung

Die Großblütige Königskerze gehört zu den Scrophulariaceae, wird aber gern neben den Plantaginaceae besprochen. Die filzig behaarte Pflanze trägt eine hohe, dichte Traube gelber, radförmiger, schwach zygomorpher Blüten. Anders als Digitalis und Veronica hat sie fünf Staubblätter, die oberen drei sind wollig behaart. Die Frucht ist eine Kapsel.

Ihre Blüten liefern Verbasci flos (Wollblumen). Die Droge ist ein schleimhaltiges Hustenmittel und keine Bitterstoffdroge. Trotz des Schleims stammt sie nicht von einer Malvacee.

Quiz

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Aussage 1

Der Name Digitaleae kennzeichnet durch seine Endung ein Taxon im Rang einer Unterfamilie.

Die Endung -eae steht für eine Tribus. Unterfamilien enden auf -oideae.

Aussage 2

Die herzwirksamen Inhaltsstoffe der Digitalis-Blätter gehören zu den Bufadienoliden.

Digitalis bildet Cardenolide mit fünfgliedrigem Lactonring, etwa Digitoxin. Bufadienolide kommen z. B. in Christrose und Meerzwiebel vor.

Aussage 3

Die Königskerze besitzt im Unterschied zu Digitalis und Veronica fünf Staubblätter.

Verbascum hat fünf Staubblätter, Digitalis vier und Veronica zwei.

Aussage 4

Die Droge Indische Flohsamen stammt von Plantago afra.

Indische Flohsamen und Indische Flohsamenschalen stammen von Plantago ovata. P. afra liefert die Flohsamen (Psyllii semen).

Aussage 5

Der Ehrenpreis (Veronica) wird nach heutiger Systematik zu den Plantaginaceae gestellt.

Veronica gehörte früher zu den Scrophulariaceae im weiten Sinn und steht heute wie Digitalis bei den Plantaginaceae.

Aussage 6

Wie die Fingerhutblüte ist auch die Blüte von Plantago deutlich zygomorph gebaut.

Plantago-Blüten sind radiär und vierzählig, ihre vier Staubblätter ragen über die Krone hinaus. Digitalis hat dagegen eine zygomorphe Rachenblüte.

Aussage 7

Der Rote Fingerhut bildet im ersten Jahr nur eine Blattrosette und blüht erst im zweiten Jahr.

Digitalis purpurea ist zweijährig. Die Traube erscheint erst im zweiten Jahr.

Aussage 8

Digitalis lanata und Plantago lanceolata besitzen beide scheinbar parallelnervige Laubblätter.

Bei beiden laufen die Hauptnerven der schmalen Blätter fast parallel. D. purpurea hat dagegen netznervige Blätter.

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