Myrtaceae (Myrtengewächse)
Die Myrtengewächse erkennt man an ledrigen, ölpunktierten Blättern und Staubblattpinseln, und sie liefern Eucalyptus-, Nelken- und Teebaumöl.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Myrtaceae sind meist holzige, tropisch-subtropische Eudikotyle mit gegenständigen, derb-ledrigen, ölpunktierten Blättern.
- Der Fruchtknoten ist in ein Hypanthium eingesenkt, die Schaufunktion übernehmen die Filamente der zahlreichen Staubblätter (Polyandrie).
- Das ätherische Öl liegt in lysigenen Exkretbehältern, die Sprossachse hat oft bikollaterale Leitbündel.
- Eucalypti folium von Eucalyptus globulus sind gestielte, schwach sichelförmige, harte, graugrüne Folgeblätter bis 25 cm mit Korkwarzen und aromatischem Geruch.
- Caryophylli flos sind die Blütenknospen von Syzygium aromaticum, Leitstoff des Nelkenöls ist Eugenol.
- Eucalyptusöl und Niaouliöl (1,8-Cineol) sowie Teebaumöl (Terpinen-4-ol) stammen aus Myrtaceae, Zimt und Campher dagegen aus Lauraceae.
Worum es geht
Myrtaceae liefern einige der bekanntesten ätherischen Öle der Apotheke: Eucalyptusöl gegen Erkältung, Nelkenöl für Mund und Zähne, Teebaumöl für die Haut. Die Familie gehört zu den Eudikotylen. Wer Blüte, Blatt und Ölbehälter kennt, ordnet ihre Drogen sicher zu.
Einordnung und Erkennungsmerkmale
Die Myrtaceae (Myrtengewächse) stehen in der Ordnung Myrtales der Rosiden. Es sind meist Holzpflanzen der Tropen und Subtropen, darunter große Bäume wie der Eucalyptus.
| Merkmal | Ausprägung |
|---|---|
| Systematik | Eudikotyle, Rosiden, Ordnung Myrtales |
| Wuchsform | meist holzig, Bäume und Sträucher, oft immergrün, Tropen und Subtropen |
| Blätter | meist gegenständig, ungeteilt, ganzrandig, derb-ledrig, durchscheinend punktiert |
| Blüte | radiär, 4- bis 5-zählig, Fruchtknoten in ein Hypanthium eingesenkt, zahlreiche Staubblätter |
| Blütenformel | \(\ast\ K_{4-5}\ C_{4-5}\ A_{\infty}\ \overline{G}_{(2-5)}\) |
| Frucht | Kapsel (Eucalyptus) oder Beere (Myrte, Gewürznelke) |
| typische Inhaltsstoffe | ätherisches Öl mit 1,8-Cineol, Eugenol oder Terpinen-4-ol |
| wichtige Arzneipflanzen | Eucalyptus globulus, Syzygium aromaticum, Melaleuca alternifolia |
Auf Fotos verraten zwei Dinge die Familie. Die Blätter sind fest und lederartig. Gegen das Licht gehalten zeigen sie viele helle Punkte, die Ölbehälter im Blattinneren. Die Blüten wirken wie kleine Puderquasten, weil die Staubfäden weit über die Blütenhülle hinausragen. Eucalyptus weicht bei der Blattstellung ab: Seine älteren Blätter stehen wechselständig.
Blüte und Frucht
Der Fruchtknoten ist bei Myrtaceae in ein becherförmiges Hypanthium eingesenkt und mit ihm verwachsen. Er ist damit unterständig. Was ein Hypanthium ist, erklärt die Einheit zu den Rosaceae. Kelch und Krone sitzen am Becherrand, bleiben klein und fallen früh ab.
Die Schaufunktion übernehmen deshalb die Filamente der zahlreichen Staubblätter. Diese Polyandrie (Bau der Blüte) ergibt den typischen Pinsel aus weißen, gelben oder roten Fäden. Bei Eucalyptus verwachsen die Hüllblätter sogar zu einem Deckel. Er springt beim Aufblühen ab und gibt den Staubblattpinsel frei. Aus der Blüte entsteht eine holzige Kapsel. Die Gewürznelke bildet dagegen eine Beere.
Eucalyptus bedeutet „gut verhüllt“ (griechisch eu = gut, kalyptos = bedeckt): Die Knospe trägt einen Deckel, der beim Aufblühen abfällt.
Inhaltsstoffe
Wertbestimmend sind bei den Myrtaceae-Drogen ätherische Öle. Sie liegen in kugeligen lysigenen Exkretbehältern. Dort lösen sich Zellen auf und hinterlassen einen ölgefüllten Hohlraum (Exkretbehälter). Diese Behälter bilden die hellen Punkte im Blatt. Anatomisch fallen außerdem bikollaterale Leitbündel in der Sprossachse auf: Phloem liegt innen und außen am Xylem (Leitbündeltypen).
Drei Leitstoffe prägen die Öle der Familie. Eucalyptusöl, Teebaumöl und Niaouliöl vom Cineoltyp stammen alle aus Myrtaceae.
| Öl | Stammpflanze | Leitstoff |
|---|---|---|
| Eucalyptusöl (Eucalypti aetheroleum) | cineolreiche Eucalyptus-Arten, v. a. E. globulus | 1,8-Cineol, mindestens 70 % |
| Niaouliöl vom Cineoltyp | Melaleuca quinquenervia | 1,8-Cineol |
| Nelkenöl (Caryophylli floris aetheroleum) | Syzygium aromaticum | Eugenol, daneben Acetyleugenol und β-Caryophyllen |
| Teebaumöl (Melaleucae aetheroleum) | Melaleuca alternifolia | Terpinen-4-ol |
Chemisch ist 1,8-Cineol ein bicyclischer Ether. Eugenol ist ein Phenol mit Allylseitenkette, Terpinen-4-ol ein monocyclischer Monoterpenalkohol. Anders als diese Öle stammen Zimtöl und Campher aus den Lauraceae. Dort sitzt das Öl in einzelnen Ölzellen statt in Exkretbehältern.
Arzneipflanzen und Drogen
Drei Arten liefern die wichtigsten Drogen der Familie.
| Pflanze | Droge | Leitstoffe | Wirkung oder Verwendung |
|---|---|---|---|
| Eucalyptus (Eucalyptus globulus) | Eucalypti folium, Eucalypti aetheroleum | 1,8-Cineol | sekretolytisch bei Erkältung, Inhalation, Einreibung |
| Gewürznelkenbaum (Syzygium aromaticum) | Caryophylli flos, Caryophylli floris aetheroleum | Eugenol | lokal antiseptisch und betäubend im Mund- und Zahnbereich, Gewürz |
| Teebaum (Melaleuca alternifolia) | Melaleucae aetheroleum | Terpinen-4-ol | antimikrobiell auf der Haut |
Eucalyptus
Stammpflanze von Eucalypti folium ist Eucalyptus globulus. Der Baum trägt zwei Blattformen. Junge Zweige haben sitzende, gegenständige, blaugrau bereifte Jugendblätter. Ältere Zweige tragen gestielte, sichelförmige Folgeblätter. Nur diese Folgeblätter bilden die Droge.
Köhler’s Medizinal-Pflanzen · hrsg. von Franz Eugen Köhler · gemeinfrei
Die Drogenblätter sind schwach sichelförmig, hart, graugrün, gestielt und bis 25 cm lang. Kleine braune Korkwarzen sprenkeln die Fläche. Beim Zerreiben riechen sie kräftig aromatisch nach Cineol. Unter dem Mikroskop sieht man eine dicke Cuticula und Palisadenparenchym auf beiden Blattseiten. Das Blatt ist also äquifazial (Blattanatomie). Im Mesophyll liegen große Ölbehälter und Calciumoxalatkristalle.
Eucalyptusöl darf bei Säuglingen und Kleinkindern nicht im Gesichtsbereich angewendet werden. Es kann einen Stimmritzenkrampf mit Atemstillstand auslösen (Kratschmer-Reflex).
Gewürznelke
Caryophylli flos besteht aus den getrockneten Blütenknospen von Syzygium aromaticum. Die Knospe sieht aus wie ein kleiner Nagel. Der Stiel ist das Hypanthium mit dem unterständigen Fruchtknoten. Oben sitzen vier Kelchblätter. Das Köpfchen bilden vier kappenförmige Kronblätter, die Staubblätter und Griffel umhüllen.
Dicht unter der Oberfläche des Hypanthiums liegen die Ölräume. Drückt man mit dem Fingernagel darauf, tritt Öl aus. Nelkenöl gewinnt man durch Wasserdampfdestillation der Knospen. Trotz des Namens gehört die Gewürznelke zu den Myrtaceae, denn mit den Nelkengewächsen hat sie nur den Namen gemeinsam. Auch mit Lauraceae hat Nelkenöl nichts zu tun.
Giftpflanzen und Verwechslungen
Bedeutende Giftpflanzen hat die Familie kaum. Auf Bildern wird Eucalyptus aber leicht mit anderen Drogenbäumen verwechselt. Blüten und Blätter trennen sie sicher.
| Baum | Familie | Blätter | Blüten |
|---|---|---|---|
| Eucalyptus (Eucalyptus globulus) | Myrtaceae | sichelförmig, hängend, graugrün, Folgeblätter wechselständig | Deckelknospe, cremeweißer Staubblattpinsel |
| Zimtbaum (Cinnamomum verum) | Lauraceae | gegenständig, eiförmig-ledrig, drei bogige Hauptnerven | klein, gelblich-grün, in Rispen |
| Campherbaum (Cinnamomum camphora) | Lauraceae | wechselständig, eiförmig, glänzend, riechen nach Campher | klein, gelblich-weiß, später schwarze Beeren |
| Silberweide (Salix alba) | Salicaceae | schmal-lanzettlich, fein gesägt, silbrig behaart | Kätzchen |
| Chinarindenbaum (Cinchona pubescens) | Rubiaceae | groß, gegenständig, mit Nebenblättern | rosa bis weiß, röhrig, in Rispen |
Die Silberweide ähnelt mit schmalen, grauen Blättern am stärksten dem Eucalyptus. Sie blüht aber in Kätzchen. Zimt- und Campherbaum zeigen bogige Hauptnerven und unscheinbare Blüten. Den Chinarindenbaum erkennt man an Nebenblättern und Röhrenblüten. Nur Eucalyptus hat Deckelknospen und einen Staubblattpinsel ohne auffällige Kronblätter.
Quiz
Aussage 1
Die Droge Caryophylli flos besteht aus den getrockneten Blütenknospen von Syzygium aromaticum.
Gewürznelken sind ungeöffnete Knospen. Der „Nagelstiel“ ist das Hypanthium mit dem Fruchtknoten.
Aussage 2
Eucalypti folium besteht aus den sitzenden, blaugrau bereiften Jugendblättern von Eucalyptus globulus.
Die Droge sind die gestielten, schwach sichelförmigen, graugrünen Folgeblätter älterer Zweige.
Aussage 3
Die Ölbehälter der Myrtaceae entstehen schizogen, also durch Auseinanderweichen von Zellen.
Die kugeligen Exkretbehälter der Myrtaceae sind lysigen: Zellen lösen sich auf und hinterlassen einen ölgefüllten Hohlraum.
Aussage 4
Bei Myrtaceae locken vor allem große, farbige Kronblätter die Bestäuber an.
Kelch und Krone sind klein und fallen früh ab. Die Schaufunktion übernehmen die Filamente der zahlreichen Staubblätter.
Aussage 5
In der Sprossachse der Myrtaceae kommen vielfach bikollaterale Leitbündel vor.
Bei bikollateralen Leitbündeln liegt Phloem innen und außen am Xylem. Das ist für Myrtaceae typisch.
Aussage 6
Teebaumöl wird aus einer Melaleuca-Art der Myrtaceae gewonnen und enthält als Leitstoff Terpinen-4-ol.
Stammpflanze ist Melaleuca alternifolia, wertbestimmend ist Terpinen-4-ol.
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