Rhesussystem: Antigen, Anti-D und Vererbung
Das Rhesusantigen D auf den Erythrozyten, die Bildung von Anti-D nach Sensibilisierung, die daraus folgende Gefahr für Rh-positive Feten und das Lösen von Erbgängen mit AB0 und Rhesus.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Rhesusfaktor D ist ein Membranprotein der Erythrozyten. Wer ihn trägt, ist Rh-positiv, wer ihn nicht trägt, rh-negativ.
- Anders als die AB0-Antigene ist D kein Kohlenhydrat, sondern ein Protein. Die meisten Menschen sind Rh-positiv.
- Anti-D kommt physiologisch nicht vor. Rh-negative bilden es erst nach Sensibilisierung, etwa bei der Geburt eines Rh-positiven Kindes.
- Anti-D ist ein IgG, daher plazentagängig, und zerstört Rh-positive Erythrozyten.
- Gefährdet ist ein Rh-positiver Fötus einer rh-negativen Mutter, normalerweise erst ab der zweiten Schwangerschaft.
- D ist dominant, Rh-negative sind dd. AB0 und Rhesus werden getrennt gelöst und dann kombiniert.
Worum es geht
Neben dem AB0-System ist das Rhesussystem das wichtigste Blutgruppensystem für Transfusion und Schwangerschaft. Anders als bei AB0 entstehen die Antikörper erst nach einem Kontakt mit fremdem Blut. Darauf beruht die Rhesus-Inkompatibilität und auch die Anti-D-Prophylaxe, ein Immunglobulin-Arzneimittel aus der Apotheke.
Rhesus-Antigen
Das wichtigste Antigen des Rhesussystems ist der Rhesusfaktor D. Wer ihn auf seinen Erythrozyten trägt, ist Rh-positiv. Wem er fehlt, ist rh-negativ. Die Rhesuseigenschaft eines Menschen wird also allein durch dieses Antigen auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen bestimmt.
Chemisch ist das D-Antigen ein Protein. Es steckt fest in der Erythrozytenmembran und durchspannt sie mehrfach. Damit unterscheidet es sich grundlegend von den AB0-Antigenen. Diese sind Zuckerketten an Glykolipiden und Glykoproteinen der Membran. Mit den Plasmaproteinen hat der Rhesusfaktor ebenfalls nichts zu tun, denn er ist an die Zelle gebunden und schwimmt nicht frei im Blut.
Rh-positiv ist der Normalfall. Die Weltbevölkerung ist mehrheitlich Rh-positiv, in Mitteleuropa etwa 85 %. Rh-negative Menschen bilden eine Minderheit.
Anti-D-Antikörper
Beim AB0-System trägt jeder Mensch von klein auf Antikörper gegen die ihm fehlenden Antigene. Beim Rhesussystem ist das anders. Im Serum kommen physiologisch keine Antikörper gegen D vor, auch nicht bei rh-negativen Menschen. Sie bilden Anti-D erst, nachdem ihr Immunsystem Rh-positive Erythrozyten kennengelernt hat.
Erstkontakt des Immunsystems mit einem fremden Antigen, nach dem spezifische Antikörper und Gedächtniszellen entstehen. Beim Rhesussystem bildet ein rh-negativer Mensch nach Kontakt mit Rh-positiven Erythrozyten Anti-D.
Typische Wege dorthin sind eine Transfusion von Rh-positivem Blut und die Geburt eines Rh-positiven Kindes. Bei der Geburt gelangt kindliches Blut in den Kreislauf der rh-negativen Mutter.
Anti-D gehört zur Klasse IgG. IgG ist die einzige Immunglobulinklasse, die über die Plazenta zum Kind transportiert wird. Anti-D ist daher plazentagängig, anders als die großen IgM-Isoagglutinine des AB0-Systems. Bindet Anti-D an Rh-positive Erythrozyten, werden diese zerstört. Man spricht von Hämolyse.
Rhesus-Inkompatibilität
Eine Rhesus-Inkompatibilität liegt vor, wenn eine rh-negative Mutter einen Rh-positiven Fötus trägt. Das D-Merkmal des Kindes kann nur vom Vater stammen, der Vater ist also Rh-positiv. Alle anderen Konstellationen sind harmlos. Eine Rh-positive Mutter bildet nie Anti-D, ganz gleich, welche Rhesusgruppe der Vater hat. Das gilt auch, wenn beide Eltern Rh-positiv sind. Die AB0-Blutgruppe spielt keine Rolle, Blutgruppe 0 zeigt keine Häufung.
Entscheidend ist die Reihenfolge der Schwangerschaften:
- Erste Schwangerschaft: Vor der Geburt tritt kaum kindliches Blut über. Der Fötus ist normalerweise nicht gefährdet.
- Geburt: Größere Mengen Rh-positiver Erythrozyten gelangen zur Mutter. Sie wird sensibilisiert und bildet Anti-D und Gedächtniszellen. Für das erste Kind kommt das zu spät.
- Folgeschwangerschaft mit Rh-positivem Kind: Die Gedächtniszellen bilden rasch viel IgG-Anti-D. Es passiert die Plazenta und zerstört die kindlichen Erythrozyten.
Das Kind entwickelt eine hämolytische Erkrankung mit Anämie und Gelbsucht, den Morbus haemolyticus neonatorum. Die Gefahr beginnt also normalerweise erst ab der zweiten Schwangerschaft.
Rh-negative Schwangere erhalten vorbeugend Anti-D-Immunglobulin, in der Schwangerschaft und nach der Geburt eines Rh-positiven Kindes. Es fängt übergetretene kindliche Erythrozyten ab, bevor die Mutter selbst sensibilisiert wird.
Vererbung des Rhesusmerkmals
Das Merkmal D wird dominant über d vererbt. Rh-positive Menschen haben den Genotyp DD oder Dd. Rh-negative sind immer homozygot dd. Daraus folgen drei Regeln, die sich direkt aus Mendel ergeben:
- Zwei rh-negative Eltern (dd × dd) haben stets rh-negative Kinder.
- Zwei heterozygote Rh-positive Eltern (Dd × Dd) bekommen mit 1/4 ein rh-negatives Kind (dd).
- Ein Rh-positives Kind einer rh-negativen Mutter hat D vom Vater geerbt. Der Vater ist Rh-positiv.
AB0 und Rhesus werden unabhängig voneinander vererbt. Man löst deshalb beide Erbgänge getrennt und kombiniert dann. Für AB0 gilt die Kodominanz von A und B über 0. Im Beispiel der Abbildung hat die Mutter A0 dd und bildet zwei Keimzellen: A d und 0 d. Der Vater mit B0 Dd bildet vier: B D, B d, 0 D und 0 d. Es entstehen acht Kombinationen mit je 1/8. Möglich sind AB, A, B und 0, jeweils Rh-positiv oder rh-negativ.
Umgekehrt lässt sich der mögliche Vater eingrenzen. Beispiel: Die Mutter hat 0 rh-negativ, das Kind A Rh-positiv.
- Genotyp der Mutter: 0 rh-negativ ist eindeutig 00 dd.
- Mütterlicher Anteil: Das Kind erhielt von ihr 0 und d.
- Väterlicher Anteil: A und D müssen vom Vater stammen.
- Mögliche Väter: Blutgruppe A oder AB, in jedem Fall Rh-positiv.
Quiz
Aussage 1
Eine Rh-positive Mutter mit rh-negativem Partner muss mit einer Rhesus-Inkompatibilität ihres Kindes rechnen.
Eine Rh-positive Mutter bildet kein Anti-D. Gefährdet ist nur ein Rh-positiver Fötus einer rh-negativen Mutter.
Aussage 2
Rh-negative Menschen besitzen von Geburt an Anti-D-Antikörper im Serum.
Anti-D kommt physiologisch nicht vor. Es wird erst nach Kontakt mit Rh-positiven Erythrozyten gebildet.
Aussage 3
Weil Anti-D zur Klasse IgG gehört, kann es über die Plazenta in den fetalen Kreislauf gelangen.
IgG ist die einzige Antikörperklasse, die über die Plazenta transportiert wird.
Aussage 4
Hat eine Mutter Blutgruppe 0 rh-negativ und ihr Kind A Rh-positiv, kommt ein Vater mit AB Rh-positiv infrage.
Das Kind hat 0 und d von der Mutter, A und D also vom Vater. Er kann A oder AB haben und muss Rh-positiv sein.
Aussage 5
Zwei Rh-positive Eltern können ein rh-negatives Kind bekommen.
Sind beide heterozygot Dd, hat ein Kind mit 1/4 den Genotyp dd.
Aussage 6
Das Rhesusantigen D ist wie die AB0-Antigene eine Zuckerkette an Glykolipiden der Erythrozytenmembran.
Das D-Antigen ist ein Protein, das die Erythrozytenmembran mehrfach durchspannt. Zuckerketten sind die AB0-Antigene.
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